Antikapitalistische Revolte”

Bettina Hoeltje

Zu einigen Problemen der linken Analyse des deutschen Faschismus

Vorbemerkung Januar 2019:

Dieser Beitrag ist im Reader zum Kongress der radikalen Linken „Nie wieder Deutschland“ (Pfingsten1990) erschienen. Interessant finde ich nach wie vor die hier dargelegten Überlegungen von Moishe Postone, der sich auf die Marx’sche Wertanalyse beziehend von einer „antikapitalistischen Revolte“ bei den Nazis spricht. Für den Wintersalon habe ich den Aufsatz neu gesetzt und etwas gekürzt. Die alte Rechtschreibung habe ich so gelassen. Das gibt dem Ding die angemessene Patina.

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Man kann sich der Frage nach den Gründen und Bedingungen des deutschen Faschismus, also des Nationalsozialismus, von zwei Seiten nähern:

Einmal von der Frage: welches Interesse hatte die herrschende Klasse in Deutschland am Faschismus? Und dann antworten, wie das Georg Fülberth in seinem Kongreß‐Paper „Repressive Toleranz, Antifaschismus, Antikapitalismus” tut: „Der deutsche Faschismus war ein politisches Mittel der Bourgeoisie, als die von ihr angestrebte totale kapitalistische Herrschaft sowohl im Inneren als auch draußen auf Hemmnisse stieß, die anders nicht mehr zu beseitigen schienen. Unter ‚totaler kapitalistischer Herrschaft‘ verstehe ich das Investitionsmonopol der nationalen Kapitalistenklasse … Die Machtübertragung an Hitler sollte erstens den Schutz der Arbeitskraft durch KPD, SPD und Gewerkschaften beseitigen und zweitens einen weiteren gewaltsamen Griff nach der Weltmacht ermöglichen.”

Das wäre ein Zugang zur Analyse des Faschismus, der die Verwertungsbedingungen des Kapitals unter imperialistischen Bedingungen und davon ausgehend die politischen, machtstrategischen und militärischen Optionen der Bourgeoisie in dieser Frage beleuchtet.

Zum anderen kann man sich dem Problem nähern von der Frage danach, welches ist die Motivationsstruktur der Nazi‐Ideologie, welche Bedürfnisse, Sehnsüchte, Hoffnungen bei der Mehrheit der Deutschen hat der Nazismus angesprochen, welche hat er zu befriedigen versprochen und z.T. eben auch befriedigt?

Jede dieser beiden Herangehensweisen ist berechtigt und für sich genommen falsch und einseitig.

Der einseitige Blick auf die psychologischen Grundlagen des Nazismus gerät zu einer Entschuldung der Hauptprofiteure und Geldgeber dieses mörderischen Regimes, der Konzernherren also, da ja unterschiedslos oben und unten Täter zu finden waren. Die Wiederkehr des Bösen, das gesellschaftspolitisch dann kaum noch faßbar ist, scheint unhistorisch jederzeit möglich, weil schlechthin menschlich und nicht an eine bestimmte politökonomische und gesellschaftspolitische Formation gebunden. Die Kontinuität zwischen Nazideutschland und der BRD auf der Ebene der ökonomischen (eben kapitalistischen) Verfaßtheit kommt zudem aus dem Blick. In diesem Sinne war es auch richtig, wenn von Linken die These von der „Kollektivschuld” als ideologisches Instrument zur klassenunspezifischen Täterentlastung nach dem Motto „Alle haben Schuld und keiner ist’s gewesen” abgelehnt wurde.

Andererseits: die nur politökonomische Sichtweise, die den Nazismus fromm nach Dimitroff nur thematisiert als die besonders brutale Herrschaftsform der Bourgeoisie über die Arbeiterklasse, zu der die Bourgeoisie in bestimmten Situationen greift, und absieht von psychologischen Motiven des Nazismus,

  • hat erstens keinen Begriff von der Faszination, die der Nazismus ganz offensichtlich für viele Menschen — auch in der Arbeiterklasse — besaß und vielleicht wieder besitzt,
  • entschuldet zweitens quasi automatisch die vielen kleinen Täter und Täterinnen — auch in der Arbeiterklasse —, die mitgequält und mitgemordet haben, die von Deportation, Denunziation und Vernichtung profitiert haben, und
  • es geraten drittens bei dieser einseitigen Sichtweise die aus rassistischen Gründen verfolgten und ermordeten Opfer des Nazismus aus dem Blickfeld bzw. werden zu einer marginalen Erscheinung.

Diesen dritten Punkt möchte ich etwas genauer begucken. Ich habe den Eindruck, daß die Neue Linke überwiegend dazu geneigt hat, in ihrer Faschismusanalyse den Antisemitismus und den Holocaust zu begreifen als ein Herrschaftsinstrumentarium im Arsenal der Bourgeoisie bei der Unterdrückung der Arbeiterklasse. Denkfiguren: Der Antisemitismus erfüllte den Zweck, die Arbeiterklasse zu desorientieren, zu spalten, von ihrem eigentlichen Feind abzulenken („Sündenbock”) etc.; die „eigentlichen” Opfer der Bourgeoisie waren Arbeiter, Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten etc.; der Judenhaß wurde von den Nazis insofern instrumentell eingesetzt, um in Wirklichkeit ihre „wahren” Ziele (Zerschlagung der Arbeiterbewegung etc.) zu erreichen. (…)

Moishe Postone, dessen Artikel „Antisemitismus und Nationalsozialismus” in der Zeitschrift „Autonomie” (Nr.10/79) mich zu diesen Überlegungen gebracht hat, weist auf die spiegelbildlich verkehrte Einseitigkeit des Diskurses über den Holocaust bei Konservativen auf der einen und Linken auf der anderen Seite hin:

Liberale und Konservative haben, indem sie die Diskontinuität zwischen der Nazi‐Vergangenheit und der Gegenwart betonen, ihre Aufmerksamkeit auf die Verfolgung und Ausrottung der Juden konzentriert, wenn sie sich auf jene Vergangenheit bezogen haben. Andere für den Nazismus zentrale Gesichtspunkte sind daher vernachlässigt worden. Die Betonung des Antisemitismus diente dazu, den angeblich totalen Bruch zwischen dem Dritten Reich und der BRD zu unterstreichen und die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und strukturellen Wirklichkeit des Nationalsozialismus zu vermeiden, einer Wirklichkeit, die 1945 nicht plötzlich verschwunden war . . . Mit anderen Worten, was den Juden geschah, ist instrumentalisiert worden und in eine Ideologie zur Legitimation des gegenwärtigen Systems verwandelt worden.” (M. Postone, in: „Autonomie”, Nr.10/79, S. 58.)

Der von ihm nicht näher spezifizierten „Linken” bescheinigt Postone andrerseits, daß sie dazu neigte, „sich auf die Funktion des Nationalsozialismus für den Kapitalismus zu konzentrieren (…) Sie hob auch die Kontinuitätsmomente zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik hervor. Die Ausrottung der Juden hat sie natürlich nicht unterschlagen. Jedoch ist sie schnell unter die allgemeinen Kategorien von Vorurteil, Diskriminierung und Verfolgung subsumiert worden … Antisemitismus wurde als eher peripheres denn als zentrales Moment des Nationalsozialismus verstanden.” Und Postone bringt dann in einer Fußnote ein Beispiel für die Begriffslosigkeit davon, welcher Art die Opfer des Holocaust waren: „Alle Juden in der DDR, ungeachtet ihrer politischen Herkunft, erhalten höhere Pensionen von der Regierung. Sie erhalten sie jedoch nicht als Juden, sondern als ‚Antifaschisten‘.” (S. 58.) Es wäre die Frage zu stellen, inwieweit dies nur die DDR betrifft, und somit nichts mit unserer Linken zu tun hat?

Im Zusammenhang mit dem bisher Gesagten habe ich Probleme mit dem o.g. Kongreß‐Papier von Georg Fülberth. Mir ist klar, daß Fülberth einerseits die Kontinuität zwischen deutschem Faschismus und BRD herausarbeiten will (Horkheimer: „Wer vom Faschismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen”)[1] und andrerseits auf die unterschiedlichen Bündniskonstellationen hinweisen will, die sich ergeben, je nachdem, ob wir in einem faschistischen System oder einer bürgerlichen Demokratie Politik machen. So weit teile ich seine Positionen.

Aber: Der deutsche Faschismus wird von Fülberth nur unter dem Aspekt „politisches Mittel der Bourgeoisie”, „reaktionärste Form kapitalistischer Herrschaft und Kultur”, „eine Form terroristischer Herrschaft, die spezifisch kapitalistische Ursachen hat” etc. behandelt. Die bestialische Spezialität des deutschen Faschismus, der Holocaust, kommt in Fülberths Papier schlicht nicht vor. Vom deutschen Faschismus sprechen und dabei vom Holocaust schweigen, geht aber, denke ich, nicht. Und wenn Fülberths Analyseinstrumentarium da nichts oder wenig hergibt, dann müßte er das zumindest als Leerstelle benennen.

Und: Wenn man in einem Papier zum deutschen Faschismus vom Holocaust schweigt und andererseits, um Horkheimers Aussage zu bebildern, die imperialistischen Verbrechen von Regimes mit repressiver Toleranz (das viktorianische Großbritannien zog den von ihm kolonisierten Völkern die Haut ab; faschistische Putsche in Griechenland und Chile durch die USA trotz antifaschistischer Staatsideologie) aufzählt, wie Fülberth dies tut, dann gerät diese Aufzählung unter der Hand und ohne Absicht zu einer Rehabilitierung der Position im Historikerstreit, die sagt, Ausschwitz sei eine Episode in der Geschichte, die ihre Vorläufer hatte, sei also kein einzigartiger Zivilisationsbruch in der Geschichte der Menschheit.

Das Problem dabei ist, daß die These Horkheimers so noch nichts hergibt für die Unterscheidung von Faschismus und Nationalsozialismus deutscher Prägung. Diese Unterscheidung muß aber Bestandteil jeder Faschismusanalyse von deutschen Linken sein, und wenn nicht erklärt, so doch zumindest immer benannt werden. Und wir kommen da nicht weiter, so ist meine Einschätzung, solange die Zwecke des Nazismus nur politökonomisch gesetzt werden, d.h. solange nur die ökonomische, militärische und herrschaftsstrategische Funktionalität und Rationalität des Nazismus für die deutsche Bourgeoisie (Zerschlagung der Arbeiterbewegung etc.) aufgezeigt wird: Das unter denselben Gesichtspunkten zutiefst Irrationale und Nichtfunktionale (Ausrottung der Juden) liegt quer dazu, kann deshalb so schwer integriert werden in einen Erklärungsversuch, der auf das instrumentell‐rationale Kalkül der Bourgeoisie abstellt, wird deshalb so leicht „vergessen” und „übersehen”.

Moishe Postone dazu: „Charakteristisch für den Holocaust war der verhältnismäßig geringe Anteil an Emotion und unmittelbarem Haß (im Gegensatz zu Pogromen z.B.); dafür aber ein Selbstverständnis ideologischer Mission, und, was das wichtigste ist: Holocaust war offensichtlich nicht funktional. Die Ausrottung der Juden war kein Mittel zu einem anderen Zweck. Sie wurden nicht aus militärischen Gründen ausgerottet oder um gewaltsam Land zu nehmen (wie bei den amerikanischen Indianern); auch nicht, um jene Teile der Bevölkerung auszulöschen, um die herum sich am leichtesten Widerstand hätte kristallisieren können, so daß der Rest der Heloten besser ausgebeutet werden könnte (dies war übrigens die Politik der Nazis Polen und Russen gegenüber). Es gab kein ‚äußeres‘ Ziel. Die Ausrottung der Juden mußte nicht nur total sein, sondern war sich selbst Zweck — Ausrottung um der Ausrottung willen — ein Zweck, der absolute Priorität beanspruchte. Eine funktionalistische Erklärung des Massenmordes und eine Sündenbocktheorie des Antisemitismus können nicht einmal im Ansatz erklären, warum in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von der Roten Armee überrollt wurde, ein bedeutender Teil des Schienenverkehrs für den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und nicht für die logistische Unterstützung des Heeres.” (S. 62.)

Natürlich kann man sagen, daß jeder Versuch der Erklärung gesellschaftlicher Phänomene darin besteht, Gründe, Kausalitäten, Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, insofern also darin besteht, die „Rationalität” des untersuchten Geschehens festzustellen. Postone, der selbst einen Versuch der Erklärung des Holocaust unternimmt (den ich hier kurz darstellen will), kommt insofern selbst zu einer „Rationalität” des Verbrechens, zeigt aber damit meiner Meinung nach, daß diese auf einer anderen Ebene zu suchen ist, als auf der, die von der herkömmlichen linken Analyse angeboten wird.

Postones Ansatz besteht darin, den Holocaust im Rahmen der Marxschen Werttheorie, die mit den Begriffen des Fetischs und der Entfremdung auch eine Erkenntnistheorie ist, als „antikapitalistische Revolte” zu verstehen. Ich versuche hier, seine Überlegungen wiederzugeben (dies wird sich leider nicht in drei Sätzen machen lassen).

Der Doppelcharakter der Ware ergibt sich aus der dialektischen Einheit von Wert und Gebrauchswert. Der Wert der Ware veräußert sich im Geld. Dieses ist die Erscheinungsform des Wertes, während die Ware die Erscheinungsform des Gebrauchswertes ist. Es erscheint also so, als sei die Ware nur stofflich und konkret, während das Geld der einzige Ort des Wertes, eine Manifestation des Abstrakten zu sein scheint.

Die dem Kapitalismus eigene Form vergegenständlichter gesellschaftlicher Beziehungen erscheint so auf der Ebene der Warenanalyse als Gegensatz zwischen Geld und Abstraktem, als ‚Wurzel allen Übels‘ einerseits und stofflicher Natur andrerseits. Die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen scheinen ihren Ausdruck nur in der abstrakten Dimension zu finden — etwa als Geld” (S. 64.) Der Fetischcharakter der gesellschaftlichen Beziehungen im Kapitalismus besteht darin, daß die Menschen diese Beziehungen nicht als gesellschaftliche (also von ihnen selbst gemacht) erkennen, sondern als natürlich. Außerdem stellen sich diese Beziehungen „antinomisch, als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem” dar. (Antinomie: Widerspruch zweier Sätze, von denen jeder Gültigkeit beanspruchen kann.) (…)

Postone geht es „um jene Formen von Romantizismus und Revolte, die ihrem Selbstverständnis nach antibürgerlich sind, in Wirklichkeit jedoch das Konkrete hypostasieren und damit innerhalb der Antinomie der kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen verharren. Formen antikapitalistischen Denkens, die innerhalb der Unmittelbarkeit dieser Antinomie verharren, tendieren dazu, den Kapitalismus nur unter der Form der Erscheinungen der abstrakten Seite dieser Antinomie wahrzunehmen. Dem wird die bestehende konkrete Seite dann als das ‚natürliche‘ oder ontologisch Menschliche, das vermeintlich außerhalb der Besonderheit kapitalistischer Gesellschaft stehe, positiv entgegengestellt. (…) Daß konkrete Arbeit selbst kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen verkörpert und von ihnen materiell geformt ist, wird nicht gesehen.” (Ebd.) (Hypostasieren: verdinglichen; das „ontologisch Menschliche” bedeutet hier soviel wie: dem Wesen des Menschen zugehörig, unabhängig von Geschichte, Kultur).)

Mit der Fortentwicklung des Kapitalismus, der Kapitalform und seines‐Fetischs wird die dem Warenfetisch innewohnende Naturalisierung (der gesellschaftlichen Beziehungen) zunehmend biologisiert.” (Ebd.) Postone weist hier auf das Aufkommen biologisch begründeter Rassentheorien und des Sozialdarwinismus im späten 19. Jahrhundert hin und fährt dann fort: ‚.Festzuhalten ist, welche Wahrnehmungsweisen von Kapital sich daraus ergeben (…) Auf der logischen Ebene des Kapitals läßt sich der ‚Doppelcharakter‘ industrielle Produktion als ausschließlich materieller schöpferischer Prozeß, ablösbar vom Kapital, erscheinen. So erscheint das industrielle Kapital als direkter Nachfolger ‚natürlicher‘ handwerklicher Arbeit und, im Gegensatz zum ‚parasitären‘ Finanzkapital, als ‚organisch verwurzelt’. Kapital selbst — oder das, was als negativer Aspekt des Kapitalismus genommen wird, wird lediglich in der Erscheinungsform seiner abstrakten Dimension verstanden: als Finanz‐ und zinstragendes Kapital. In dieser Hinsicht steht die biologistische Ideologie, die die konkrete Dimension (des Kapitalismus) als ‚natürlich‘ und ‚gesund‘ dem Kapitalismus (wie er erscheint) gegenüberstellt, nicht in Widerspruch zur Verklärung des Industriekapitals und seiner Technologie. Beide stehen auf der ‚dinglichen‘ Seite der Antinomie.”

Postone spricht vom Nationalsozialismus mit seiner „positivem Hervorhebung der ‚Natur‘, des Blutes, des Bodens, der konkreten Arbeit, der Gemeinschaft” als einem „fetischisierten ‚Antikapitalismus“ ‘. „Diese Form des ‚Antikapitalismus‘ beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte . (…) Der ‚antikapitalistische’ Angriff bleibt jedoch nicht bei der Attacke auf das Abstrakte als Abstraktes stehen. Selbst die abstrakte Seite erscheint vergegenständlicht. Auf der Ebene des Kapitalfetischs wird nicht nur die konkrete Seite naturalisiert und biologisiert, sondern auch die erscheinende abstrakte Seite, die nun in Gestalt des Juden wahrgenommen wird. So wird der Gegensatz von stofflich Konkretem und Abstraktem zum rassischen Gegensatz von Ariern und Juden. Der moderne Antisemitismus” (Postone unterscheidet diesen vom jahrhundertealten Antisemitismus als integralem Teil der christlich‐westlichen Zivilisation, auf dem der moderne Antisemitismus aufbaute) „besteht in der Biologisierung des Kapitalismus — der selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird — als internationales Judentum. Die Juden wurden nicht bloß als Repräsentanten des Kapitals angesehen (in diesem Fall wären die antisemitischen Angriffe wesentlich klassenspezifischer gewesen), sie wurden vielmehr zu Personifikationen der unfaßbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals.” (S. 65.)

Postone sagt weiter, „daß es viel zu einfach ist, den Nazismus als eine Massenbewegung mit antikapitalistischen Obertönen zu bewerten, die diese Hülse 1934 (,Röhm‐Putsch’) abwarf, nachdem sie erst einmal ihre Zwecke erreicht hatte und sich in Form staatlicher Macht gefestigt hatte. Zum einen sind ideologische Formen nicht einfach Bewußtseinsmanipulationen. Und zum anderen mißversteht diese Auffassung das Wesen des ‚Antikapitalismus‘ der Nazis — das Ausmaß, in dem es der antisemitistischen Weltanschauung innerlich verbunden war. Es stimmt, daß auf den etwas zu konkreten und plebejischen ‚Antikapitalismus‘ der SA 1934 verzichtet werden konnte: jedoch nicht auf die antisemitische Grundhaltung — die ‚Erkenntnis‘, daß die Quelle allen Übels das Abstrakte ist — der Jude.” (S. 66/67.)

Auschwitz war eine Fabrik zur ‚Vernichtung des Wertes’, d.h. zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu ‚befreien’. Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, d.h. die ‚Maske‘ der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden als das zu zeigen, was ‚sie wirklich sind’, Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch noch zu versuchen, die letzten Reste des konkreten gegenständlichen ‚Gebrauchswertes‘ abzugewinnen: Kleider, Gold, Haare, Seife.” (S. 67.)

Zum Schluß versucht Postone anzudeuten, welche politischen Konsequenzen aus dieser Analyse gezogen werden müßten: Er warnt vor dem Kurzschluß, „den Kapitalismus nur über die Form der abstrakten Dimension wahr(zu)nehmen” und das Konkrete zu verklären. Und ich denke, wir sollten hier unsere Sprache überprüfen: Vom „parasitären Finanzkapital” oder „parasitären Spekulationskapital” zu sprechen, ist unter Linken eine unhinterfragte Redewendung, und auch auf dem Kölner Kongreß wurde in einem Referat davon gesprochen, daß es ein Zeichen für die „innere Krise des Imperialismus” sei, daß „parasitäre Erscheinungsformen” des Kapitaleinsatzes, nämlich „die Spekulation” im Vordergrund stehen. Eine solche Aussage ist eine halbe „Reinwaschung” des Industriekapitals als nichtparasitär, also nichtausbeuterisch, denn da wird ja ordentlich gearbeitet, oder wie? Bekanntlich findet Mehrwertproduktion, also Ausbeutung, aber nicht in der Zirkulation, sondern in der Produktionssphäre statt. Mal abgesehen davon erzeugt bei mir der Begriff „Parasit” unweigerlich die Assoziation zur Giftspritze. Finanzkapital‐Parasit‐Ausrottung — laßt uns jede Nähe zu solchen Denkfiguren vermeiden.

Und auch auf den in der politischen Debatte über Arbeitsprozeß, Arbeiterklasse etc. nicht selten verwendeten Hinweis, der den Diskussionsgegner in der Regel abwerten soll, dieser habe doch noch gar nicht richtig gearbeitet (so auf dem Kölner Kongreß gegen Thomas Ebermann einmal ins Feld geführt, so ganz nebenbei, als sei das Unfaire fast bewußt), sollten wir verzichten. Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen[2] macht weder frei noch adelt sie, noch garantiert sie bei den ihr Unterworfenen für die richtigen Überzeugungen.

(…)

Zurück zu Postone: er warnt vor „‘neuen‘ Psychotherapieformen, die das Gefühl in Gegensatz zum Denken stellen. Gleiches gilt für biologisierende Auffassungen hinsichtlich des gesellschaftlichen Problems der Ökologie.”

Letzteres ist ein nach wie vor oder wieder sehr wichtiger Punkt für das Verhältnis zwischen Linken und der Ökologiebewegung. Die antiaufklärerische Forderung nach dem „Primat der Ökologie” als politische (!) Programmatik wird von den noch in der Grünen Partei verbliebenen Linken überhaupt nicht mehr kritisiert, sondern sogar mit vertreten. Die Geschichte dieser Formulierung ist es aber, daß sie schon im Gründungsprozeß der Grünen Partei der Kampfbegriff rechter Kreise war, mit dem begründet wurde, warum dem grünen Anliegen „fremde” Politikinhalte und gesellschaftliche Utopien wie soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung (z.B. der Frauen), Solidarität (z.B. mit Asylanten), Freiheit (z.B. der sexuellen Orientierung) etc. nicht Bestandteil grüner Programmatik sein sollten. Alle diese von Linken eingebrachten Forderungen lassen sich eben nicht aus der Biologie eines Ökosystems ableiten, sondern nur aus der Ethik und Moral einer menschlichen Gesellschaft. Und es ist nicht zufällig, daß mit dem Argument „Biologie” immer reaktionäre und rechte Inhalte bezogen auf Gesellschaft transportiert werden (siehe die Demagogie gegen das Recht auf Abtreibung mit dem Argument des „Lebensschutzes”).

Und ein letztes Zitat von Postone: „Die Linke machte einmal den Fehler, zu denken, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte oder umgekehrt, daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll, nicht zuletzt für die Linke selbst.” (Ebd.)

Postones Analyse zwingt dazu, die Ausrottung der Juden als zentrales Element des Nationalsozialismus zu begreifen und nicht als peripheres, austauschbares, und in der Ideologie der Nazis außer der Funktion für die Herrschenden eben auch ein Angebot an die Ausgebeuteten zu sehen, auf eine schreckliche Art die Entfremdung im Kapitalismus (scheinbar) aufzuheben.

Ich glaube, daß ein Erklärungsansatz, der nur auf die ökonomische und herrschaftsstrategische Funktionalität des Faschismus für die Bourgeoisie abstellt, auch Abwehrfunktion hat: Der Holocaust kann gebannt werden als Produkt einer bestimmten Politökonomie, die wir abschaffen wollen (das ist beruhigend) und wir als Linke haben nichts damit zu tun.

Natürlich könnte man sagen: die Linke hat doch nichts mit dem Holocaust zu tun, und zum einen darauf abstellen, daß es keinerlei biografische Verflechtungen zum Nationalsozialismus gibt. Und trotzdem meine ich, haben wir damit zu tun. Das Argument von der „Gnade der späten Geburt” ist eben nicht nur deshalb zurückzuweisen, weil es aus durchsichtigen Gründen politisch eine „Schlußstrich”-Haltung legitimiert. Es stimmt auch deshalb nicht, weil es die Verwobenheit jedes einzelnen von uns mit der Zeit damals über die eigene Familiengeschichte und deren verdrängte Kapitel verleugnet.

Natürlich könnte man weiter sagen: die Linke hat doch historisch keine Verantwortung für das Emporkommen des Faschismus zu übernehmen, und es gibt außerdem in der Linken von heute keinerlei positive Bezugnahme auf rassistische und antisemitische Überzeugungen. Es ist aber eben merkwürdig: trotz dieser „Schuldfreiheit” laufen da Abwehrbewegungen, und die Frage ist, warum das so ist und auf welche Leerstellen das bei uns hindeutet.[3]

Auch das Nicht‐Ansprechen des Themas in Fülberths Papier ist für mich eine Abwehrbewegung.

Und ich denke, es gibt darüber hinaus ein Unbehagen in der Linken, sich mit der Individual‐ und Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und den dazu vorliegenden Hypothesen und Befunden auseinanderzusetzen, danach zu fragen, wie sich das in der einzelnen Seele abspielt. Hier stehen die verschiedensten theoretischen Ansätze nebeneinander und sind z.T. nicht verknüpft mit einer Kapitalismuskritik.

Dennoch können wir hier — so meine Einschätzung — profitieren z.B. von Klaus Theweleit[4] (…), der anhand von biografischem Material über Nazis, Propagandareden, Nazi‐Literatur etc. belegt, daß der Nationalsozialismus auf einer bestimmten Männersozialisation aufbaute: der einsame Wolf, der Held; (…) die gnadenlose Aggression gegen den eigenen Körper und den des Feindes; das Bedürfnis nach Körperpanzern, als Kompensation seiner Angst, zu weich zu sein; die Angst vor der weiblichen Sexualität, sexuell zu versagen: das Töten und eigene Sterben wird gebraucht als sichere Bestätigung der eigenen Existenz etc. Er betont damit ein Element der Kontinuität von psychischen Strukturen über die jeweiligen politischen Systeme hinweg, die sich über das Patriarchat vermittelt. Dies an sich ‘ranzulassen, könnte die Chance bieten, zu verstehen: wir sind mitten drin im Problem, denn wir sind nicht „außerhalb” sozialisiert worden. Dies könnte weiter bedeuten, daß vielleicht die Kritik am Patriarchat etwas dazu beisteuern könnte, Phänomene zu erklären, die in bezug auf ideologische Inhalte auf der Erscheinungsebene dem westlichen Faschismus ähnlich sind trotz andersartiger politökonomischer Verfaßtheit (z.B. Pamjat in der Sowjetunion). Theweleits Überlegungen mit einzubeziehen heißt auf der anderen Seite nicht, daß man seine Hypothese, der Nazismus sei Resultat des Patriarchats, und seine Vorstellung, der Rassismus sei ohne Rest aus der Beziehung zwischen den Geschlechtern abzuleiten, mit übernehmen muß.

Wir können profitieren von Sigmund Freud, der in seinem schon 1921 erschienenen Buch Massenpsychologie und Ich‐Analyse die psychologischen Mechanismen der Massenbildung und die Eigenschaft einer Masse aus psychoanalytischer Sicht auf eine Weise beschrieben hat, als habe er bereits den Nationalsozialismus studieren können: libidinöse Bindung an den Führer als Vaterfigur bei gleichzeitiger Identifizierung der Massenmitglieder untereinander, Verwischung der Unterschiede und Verdrängung feindseliger Gefühle gegenüber den Massenmitgliedern; aufgeben des eigenen Über‐Ich, der Instanz, die abwägt, Distanz einnimmt, prüft, kritisiert; das Über‐Ich des Einzelnen wird im Führer veräußert; Folge davon ist die „Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe”: Schwächung und Verächtlichmachung von intellektuellen Leistungen bis hin zur Wendung des verdrängten Hasses nach außen. Solche Überlegungen miteinzubeziehen muß nicht heißen, Freuds Ansatz zu übernehmen, die Wurzel dieser Vorgänge monokausal in der Familie und nicht auch in gesellschaftlichen Interessen‐ und Machtverhältnissen zu suchen. (…)

Nachbemerkung:

Hermann Gremliza hat Pfingsten in Köln unter Bezug auf meinen Beitrag darauf hingewiesen, daß in „Konkret” zur Frage der politökonomischen Rationalität des Holocaust eine Auseinandersetzung dokumentiert worden sei, die sich an der Untersuchung von Götz Aly und Susanne Heim entzündet habe. Aly und Heim hätten anhand von Dokumenten nachgewiesen, daß bei der Entscheidung der Nazis, die jüdischen Menschen aus den polnischen Ghettos in die Gaskammern zu schicken, vor allem ökonomische und bevölkerungspolitische Argumente den Ausschlag gegeben hätten. Gremliza weiter: Heim und Aly hätten dies zur Alleinerklärung der Vernichtungspolitik gemacht, dies sei sicher ein Problem. Jetzt aber zu sagen, es habe überhaupt keine ökonomische Rationalität des Holocaust gegeben, sei auch nicht richtig (ich gebe das sinngemäß wieder).

Ich kannte diese Auseinandersetzung nicht, habe sie jetzt nachgelesen. Ich kann das hier natürlich nicht nachzeichnen, möchte nur soviel dazu sagen: Alle im Anschluß an den Beitrag von Heim und Aly abgedruckten Stellungnahmen (von Ulrich Herbert, Christopher Browning, Dan Diner, Ernst Köhler), bis auf den von Ludger Well, widersprechen Heim und Aly. Christopher R. Browning verweist auf zusätzliches Dokumentenmaterial: Daraus gehe hervor, daß die Liquidierung des Warschauer Ghettos 1942 beschlossen und durchgeführt wurde trotz einer steigenden Arbeitskräftenachfrage, trotz zunehmender Produktivität des Ghettos. Ulrich Herbert setzt sich mit der These von Aly und Heim auseinander, auf die Juden sei man deshalb gekommen, weil sich mit ihnen „ein großer Teil der sichtbaren Armut vernichten” ließ und so „die elendsten Quartiere in den Städten verschwanden”. Herbert schreibt: „Die Juden seien also nicht deswegen, weil sie Juden waren, von den Deutschen umgebracht worden, sondern weil sie besonders arm und rückständig gewesen seien, wobei von Seiten der deutschen Bevölkerungsplaner die verbreiteten ‚Vorurteile‘ gegen Juden hätten genutzt werden können, um ihre Ziele leichter durchzusetzen. Wörtlich: ‚Völkermord war hier eine Form, die soziale Frage zu lösen.“ ‘ („Konkret”, Nr.11/89, S. 59.) Herbert führt dagegen ins Feld, daß die Angaben von Aly und Heim „zu wesentlichen Teilen nicht stimmen oder jedenfalls nicht in den richtigen Relationen beschrieben sind. Denn was die Armut anbetraf, unterschieden sich die Juden weder in dem ehemals russischen Ansiedlungsrayon, noch in anderen Gegenden Polens von der nicht‐jüdischen polnischen Bevölkerung…” (Ebd.)

Browning bezieht sich zustimmend auf Herbert: „Herbert argumentiert, daß jeder Versuch, die Politik des Massenmords … in der Hauptsache aus einem rationalen wirtschaftlichen Kalkül abzuleiten, die Tatsache ignoriert, daß für die Nazis die Ermordung ideologischer Gegner bereits aus sich rational gerechtfertigt war, auch wenn sie ihre mörderische Politik noch zusätzlich mit ökonomischen, geopolitischen, medizinischen und sicherheitspolitischen Argumenten begründeten. Rassismus war kein Täuschungsmanöver, kein Mythos, hinter dem sich reale wirtschaftliche Interessen verbargen, Rassismus war der Fixpunkt des Systems.” („Konkret”, Nr.12/89, S. 69.)

Das Problem, das ich nun mit der Argumentation von Herbert oder Köhler habe, besteht darin, daß beide neben der Zurückweisung der These vom ökonomischen Kalkül in bezug auf den Holocaust gleichzeitig den qualitativen Bruch zwischen dem faschistischen Staat und der BRD herausstreichen. Herbert macht Aly und Götz den Vorwurf (den ich so nicht machen würde und der auch nicht notwendigerweise mit der Kritik an der Behauptung von der ökonomischen Rationalität des Holocaust verbunden sein muß): „Hier liegt wohl auch die politische Perspektive und Brisanz des Ansatzes: die Shoa als einen weiteren und besonders furchtbaren Beweis für die Vernichtungsdynamik des Modernisierungsprogramms imperialistischer Länder zu funktionalisieren, die in ihrer Struktur und Zielrichtung unverändert fortbestehe; was nun seinerseits wiederum aussagekräftig in bezug auf den Charakter des bestehenden Herrschaftssystems wäre. Zu zeigen, daß diese Konstruktion nicht haltbar ist, war Ziel der hier vorgetragenen Überlegungen.” („Konkret”. Nr.11/89, S. 60.)

Natürlich gibt es einen qualitativen Bruch zwischen dem Nationalsozialismus und der BRD auf der Ebene des politischen Systems und es gibt ein Fortbestehen von Strukturen auf der Ebene der politökonomischen Verfaßtheit. Die Linke bedarf aber, meine ich, um diese Argumentation zu „retten”, keiner Beweisführung über die ökonomische Effektivität der „Endlösung”.

Auch die Linke ist mit diesem Thema noch lange nicht fertig.

Text aus Kongressreader Nie wieder Deutschland 1990 Kongress der radikalen Linken Internationale sozialistische Publikationen Frankfurt am Main S. 174 – 186


[1] Korrektur 2019: Tatsächlich heißt der Ausspruch von Horkheimer: “Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.” — Die Juden und Europa. In: Studies in Philosophy and Social Science, Band 8. The Institute of social research, New York 1939, S. 115.

[2] Ergänzung 2019: und auch unter sozialistischen Bedingungen

[3] Jessica Jacoby und Gotlinde Magiriba Lwanga von den Schabbesfrauen bringen in ihrem Aufsatz in den „Beiträgen zur feministischen Theorie und Praxis” (Nr. 27/90) Beispiele für eine spezifische Abwehr des Themas in der Frauenbewegung: sie sprechen von „Blindheit gegenüber Jüdinnen und Juden gerade auf Seiten der Linken und der Frauenbewegung” (Wer ist Jude unter uns? Was ist das eigentlich?); von der „Konkurrenz um die goldene Dornenkrone des bedauernswertesten Opfers” (9 Millionen verbrannte Hexen gegen 6 Millionen Juden…); von der Entschuldung qua Geschlecht: nicht die späte, sondern die weibliche Geburt entlastet! Frauen sind Opfer sexistischer Unterdrückung, und Opfer sind schuldlos. Die rassistische Verfolgung — inclusive Ausrottung — verschwindet unter der sexistischen, Frauen sind nur „sekundär rassistisch” (Mitscherlich‐Nielsen), bestenfalls Mit‐Täter etc.

[4] Männerphantasien, Verlag Roter Stern, Frankfurt am Mai 1977