100 Jahre Globalisierung

Es wird gesagt, wir leben in einem neuen Zeitalter, dem der Globalisierung. Das ist etwas hoch gegriffen. Aber dass sich die Lebensverhältnisse in den letzten 50 Jahren, hier wie in den Armutsregionen weltweit, zum Teil dramatisch verändert haben, ist wohl wahr. Gleichwohl ist trotz aller Umbrüche und Innovationen Vieles auch von erschreckender Konstanz. Geht man der Frage nach, welchen Verlauf die Reichtumsentwicklung genommen hat, zeigt sich in aller Klarheit. Gehen wir 100 Jahre zurück, so lesen wir einer Schrift über den damaligen Weltmarkt: „Der Kapitalismus ist zu einem Weltsystem kolonialer Unterdrückung und finanzieller Erdrosselung der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll »fortgeschrittener« Länder geworden. Und in diese »Beute« teilen sich zwei, drei weltbeherrschende, bis an die Zähne bewaffnete Räuber…“ Lenins „drei Räuber“ sind Nordamerika, Westeuropa und Japan. Er kennzeichnet diese Phase der kapitalistischen Entwicklung als Imperialismus, in dem Großindustrien und Banken zu Monopolen verschmolzen sind und deren erbitterte Konkurrenz in den Ersten Weltkrieg geführt habe.

Heute sind es die G7‐Staaten, die den Weltmarkt beherrschen, aber sie sind im Grunde identisch mit den „drei Räubern“ von 1916. Und es sind oft sogar dieselben Namensgeber und Konzerne von damals, die wir in den aktuellen Top‐100 der Weltwirtschaft wiederfinden: Esso und Shell, Daimler und Ford, Edisons General Electric und Siemens, Bayer und Dow Chemical, Panasonic und Mitsubishi.

Was ist daraus zu ersehen? Beim „freien Wettbewerb“ um die Weltmärkte haben immer dieselben gewonnen. Ist ihr Reichtum einmal akkumuliert, ist kein Kraut mehr gegen sie gewachsen. Selbstverständlich gibt es bei der imperialistischen Konkurrenz auch immer Verlierer, aber die gehen in der Regel nicht pleite, sie werden übernommen und mit Beteiligungen oder anderen Vermögenswerten abgefunden. Die Industriestandorte mit ihrer Infrastruktur und ihrem Knowhow überleben in der Regel auch, notfalls hilft der Staat mit Subventionen.

Der heutige VW‐Konzern kann bebildern, wie die Industriegeschichte verlaufen ist. 1885 wurde in Chemnitz die Firma Wanderer‐gegründet, sie stellten Fahrräder her, dann Motorräder, später auch Autos. 1932 fusionierte der Betrieb mit DKW, Wanderer und Horch zur Auto Union. 1949, nach Krieg und deutscher Teilung wurde im Osten der Trabby, im Westen (Ingolstadt) der DKW 1965 übernahm VW das Werk und fusionierte es mit der NSU zur neuen Audi AG. Später erfolgte dann die Expansion auf ausländische Märkte, und nach 1990 nahm man die Produktion im alten Stammland Sachsen wieder auf. Die Geschichte der sechs Automarken ist prototypisch für marktwirtschaftliches Wachstum; es führt, wie Lenin formulierte, zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Fast völlig vom Markt der Metropolen verschwunden sind nur einige „alte“ Branchen: Textil, Kohle und Stahl , Schiffbau. Und dazu gekommen sind etliche neue, Elektronik, Massen‐ und Flugtourismus, Supermärkte und Handelskonzerne.

Lenin hatte 1916 ein baldiges Ende des Imperialismus prognostiziert; er schrieb:

Wie wir gesehen haben, ist die tiefste ökonomische Grundlage des Imperialismus das Monopol. Dieses Monopol… erzeugt…, wie jedes andere Monopol, unvermeidlich die Tendenz zur Stagnation und Fäulnis. In dem Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend, eingeführt werden, verschwindet bis zu einem gewissen Grade der Antrieb zum technischen und folglich auch zu jedem anderen Fortschritt, zur Vorwärtsbewegung; und insofern entsteht die ökonomische Möglichkeit, den technischen Fortschritt künstlich aufzuhalten.“

Das genaue Gegenteil ist eingetreten: über alle Jahrzehnte haben vor allem diese Monopole den technischen Fortschritt vorangetrieben. Die Vermutung, dass die Aktionäre der Großkonzerne ihre Dividenden parasitär verprassen, war ebenso verkehrt, sie hielten sich an den kapitalistischen Grundsatz, dass Gewinne reinvestiert werden, um die Akkumulation voranzutreiben. Es kommt vor, dass reiche Firmen‐Erben ihr gesamtes Vermögen verprassen, und alle Großaktionäre können sich auch jeden Luxus leisten, aber mehr noch als ihre Arbeiter und Angestellten haben sie den „Geist des Kapitalismus“ verinnerlicht, dass Geld nicht verplempert werden darf und dass Müßiggang eine Sünde ist. So sind gerade die Monopole immer auf der Suche nach neuen Märkten und Produkten, nach Kostensenkung und Rationalisierung gewesen, und dank ihrer Kapitalmacht haben vor allem sie in neue Märkte investieren oder Forschung und Entwicklung finanzieren können. Wo sich dabei in den letzten 50 Jahren die Wachstumspotetiale am dynamischsten entwickelt haben, will ich kurz bebildern:

1. Japan und die „Tigerstaaten“

Eine neue Entwicklung mit Blick auf die heutige Weltwirtschaft hat sich seit den 60er Jahren in Ostasien ergeben. Ähnlich wie die BRD hatte Japan bis 1960 den Wiederaufbau geschafft und war zur Exportnation im Welthandel aufgestiegen. Dann ging es dazu über, Fertigungen, die nicht mehr rentabel waren (Textil, Stahl, Schiffbau) per Lizenz in ihre ehemaligen Kolonien, Taiwan und Korea, sowie Hongkong zu verlagern. Es folgten Kleinwagen, Radiorekorder, Schwarzweiß‐Fernseher und Billigelektronik, wobei der japanische „Mutterkonzern“ jeweils die technologisch hochwertigen Komponenten zulieferte. Das rechnete sich, weil die Löhne an den neuen Standorten nur einen Bruchteil der japanischen ausmachten, und als dann die Löhne auch in Korea und Hongkong schrittweise anstiegen, wurde, um 1980, wieder verlagert, teilweise nach Südostasien, vor allem aber nach China, das sich immer mehr dem kapitalistischen Weltmarkt öffnete. Der Anteil von Asien am weltweiten BIP ist zwischen 1970 und 2014 plus 260,2 Prozent gestiegen.

Heute ist der Aufstieg Chinas der bei weitem wichtigste Faktor bei der sprunghaften Entwicklung des Weltmarktes. Die Grundlagen für den Aufstieg wurden bereits unter Mao gelegt. Zwischen 1952 und 1975 wuchs die Wirtschaft um jährlich durchschnittlich 6,7 Prozent, der Anteil der Industrie an der Wirtschaftskraft wurde von etwa 20 Prozent (1952) auf 45 Prozent (1975) gesteigert, und gleichzeitig hatten Bildung (insbesondere für Frauen), medizinische Versorgung und soziale Sicherheit Priorität in der Planwirtschaft. Die Öffnung für denWeltmarkt erfolgte schrittweise nach Maos Tod. Zuerst wurden nur regionale „Sonderwirtschaftszonen“ eingerichtet, in denen inländische und ausländische Firmen investieren und für den Weltmarkt produzieren konnten. Dann wurden sie praktisch auf das ganze Land ausgeweitet, und 1987 wurden alle Preise, vor allem für bisher subventionierte Lebensmittel, freigegeben, was zunächst zu Inflation, Massenelend und zum Aufstand 1989 führte. In den 90er Jahren wurden die meisten Staatsbetriebe teilprivatisiert, wodurch einerseits deren Modernisierung ermöglicht wurde, andererseits Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit Einzug hielten. 2001 trat China der WTO bei, unterwarf sich also den Freihandelsrichtlinien, was das Wachstum in den Folgejahren auf 12 % brachte.

Dominierten in Maos Zeiten noch Fahrräder das Stadtbild, werden heute jährlich über 25 Mio.Autos in China gefertigt, mit Abstand die meisten Smartfons und Laptops werden dort zusammen gebaut; ein Drittel aller Baumwolle kommt von dort, und es ist der größte Exporteur von Textilien. Sowohl im Außenhandel als auch bei der Güterproduktion hat China inzwischen die USA überholt, und es wird nicht nur exportiert, auch der Binnenmarkt hat 2016 einen Wert von 4.546 Mrd. € erreicht. Zwar hatten 2014 von 1.000 Chinesen nur 75 ein eigenes Auto (in der BRD: 562), aber bei 1,3 Mrd. Einwohnern ist es trotzdem der größte Absatzmarkt.

Parallel dazu wurde die Infrastruktur ausgebaut, innerhalb weniger Jahrzehnte wurden rund um die industriellen Zentren völlig neue Millionenstädte aus dem Boden gestampft, die Bauindustrie boomt seit 40 Jahren; das Autobahnnetz wurde von 7.000 km im Jahr 1998 auf 53.000 km im Jahr 2008 ausgeweitet,das Eisenbahnnetz von 2006 bis 2011 um 17.000 Streckenkilometer (knapp der Hälfte des gesamten deutschen Schienennetzes).

Für den Weltmarkt bedeutete die Öffnung Chinas, dass sich das Arbeitskräfteangebot für die weltweit agierenden Konzerne auf einen Schlag verdoppelt hat. Nicht weniger als 700 Mio. schaffen für die China‐AG, zumeist gut Ausgebildete, und jedes Jahr kommen z.B. sieben Millionen Hochschulabsolventen hinzu. Die Löhne und Einkommen sind Jahr für Jahr gestiegen, der Industriearbeiterlohn liegt inzwischen bei 600 – 800 Euro, der Mindestlohn bei 300. Das ist für deutsche Verhältnisse erbärmlich wenig, ist aber dreimal mehr als 2005 und ein Vielfaches von dem, was z.B. indischer Arbeiter verdienen.

Die Schattenseiten dieser Erfolgsgeschichte sind: China ist zum Klimakiller Nr. 1 geworden, es frisst die meisten natürlichen Ressourcen und hinterlässt überall vergiftete Böden. Marktwirtschaftliche Öffnung hieß auch, dass vielerorts Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen einkehrten, die dem gleichen, was Engels Mitte des 19. Jahrhunderts zur Lage der arbeitenden Klasse in England geschrieben hatte, und bis heute gibt es über 200 Mio. unterbezahlte Wanderarbeiter, die, getrennt von Familie und Kindern, in überteuerten Löchern der Boom‐Metropolen hausen.

2. Toyotismus und Produktionsketten

Das japanische Modell der Auslagerung von Fertigungen in Billiglohnbereiche hat auch die Herstellungsprozesse beim Automobilbau revolutioniert. Bekanntlich hat die Autobranche seit ihren Anfängen ihre Produktivität durch technische Innovationen, Fließfertigung und Robotereinsatz, sprunghaft erhöht. Wesentlich beigetragen haben aber auch Rationalisierungen bei den Arbeitsabläufen. Ein Pionier auf diesem Gebiet war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der US‐Amerikaner Charles Taylor, der mittels Bewegungsstudien die Leistung von Handarbeitern verfünffachte. Zur selben Zeit erfand in Japan Toyoda Sakichi den automatisch stoppenden Webstuhl und sein Sohn, seit 1937 Chef von Toyota, machte dessen Kerngedanken, Verschwendung zu vermeiden, zur Leitlinie seiner Unternehmensphilosophie. Erst in den 80er Jahren wurde das Toyota‐Modell systematisch von westlichen Autobauern übernommen. Unter dem Schlagwort „lean production“ ging man dazu über, Fertigungen auszulagern, wenn sie anderswo besser oder billiger hergestellt werden konnten. Wurden früher im Stammwerk nur die Bleche, Sitze, Reifen usw. angeliefert und alles vor Ort zusammengebaut, werden heute Zulieferfirmen zwischengeschaltet, die ihrerseits Einzelteile zu Komponenten (z.B. Armaturen) fertigen und „just in time“ anliefern. Die wichtigsten Bauteile der aktuellen Mercedes A‐Klasse kommen z.B. vorn fast 50 Auftragsfirmen, so die vollautomatische Klimaanlage, der Airbag, die Mittelkonsole, bis hin zu den Zylinderkopfdichtungen, Türscharnieren und Außenspiegeln. Hauptzulieferer wie Bosch und Continental produzieren eine ganze Palette verschiedener Komponenten und sind ähnlich marktbeherrschend wie Daimler oder VW. Auch sind es bei weitem nicht nur deutsche Hersteller, die zuliefern, auch sie kommen von überall her. So werden zum Beispiel alle Motoren der deutschen Premiummarke Audi mit ungarischer Wertarbeit gefertigt, „Made in Germany“ dient nur noch dem Image. Man schätzt, dass heute nur ein Drittel aller Automobilarbeiter in Stammwerken arbeiten, zwei Drittel aber bei Zulieferern.

Während so einerseits die Stammwerke mit einem Netz von Zulieferern verknüpft wurden, haben sich auch die eigenen Produktionsstandorte durch Aufkäufe und Zweigwerke weltweit vervielfacht. So beschäftigt derVW‐Konzern heute weltweit 600.000 Arbeiter, produziert neben VW´s auch die Marken Audi, Porsche, Seat, Skoda sowie die LKW´s von Scania und MAN. Der Konzern betreibt in 20 Ländern Europas und in elf Ländern Amerikas, Asiens und Afrikas 120 Fertigungsstätten. Allein in China werden derzeit jährlich vier Millionen Fahrzeuge verschiedenster Marken hergestellt. Mit von der Partie sind die großen Zulieferer, wie Bosch und Continental, die ihrerseits auch wieder 200‐ bis 300.000 Arbeiter beschäftigen und in über 60 Ländern, an mehreren hundert Standorten produzieren.

Seit 1990 hat VW, wie auch andere Autokonzerne, systematisch Produktionsverlagerungen nach Osteuropa vorgenommen, vor allem nach Polen, der Slowakei und Ungarn. In der Summe haben sich so für die Auto‐Branche seit 1980 immer neue Wachstumsmärkte erschlossen. Und es gab, mangels „Marktsättigung“, keine nennenswerte Krise; zwar haben alle Weltkonzerne Standorte aufgegeben, Werke stillgelegt, aber en gros ist, vor allem in Deutschland, die Autoproduktion der Wachstumsmotor geblieben.

3. Handel und Schiffahrt

Die Herausbildung eines Weltmarktes hat sich ursprünglich mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien und der Neuen Welt vollzogen. Nach der Ausplünderung Amerikas (Gold, Silber) durch die Spanier waren es, seit 1600, vor allem holländische und britische Kaufleute, die den Überseehandel mit allerlei Kolonialwaren betrieben. Ihre Handelskompagnien agierten in staatlichem Auftrag und leiteten die spätere koloniale Unterwerfung ein. Teil des Geschäfts war der Sklavenhandel zum Betrieb von Plantagen, auf denen Zucker, Tabak oder Baumwolle für den europäischen Markt produziert wurden. Bis zum Beginn der Industrialisierung waren es Schiffbau, Reeder und Kolonialkaufleute, die gewaltige Kapitalvermögen anhäuften. In den letzten Jahrzehnten haben sie einen neuen Aufschwung genommen und sind erneut zu Wachstumsrennern geworden.

90 Prozent des heutigen Welthandels wird über See abgewickelt, mit einer Flotte von über 40.000 Handelsschiffen, die meisten in Korea gefertigt. Den größten Aufschwung haben die Container‐Frachter genommen, seit ihrer Einführung in den 60er Jahren auf heute über 10.000 Einheiten. Bei den Reedereien ist Griechenland mit 4.500 Schiffen Marktführer; den Containermarkt dominiert die dänische Maersk‐Line mit 550 Schiffen. Zur Senkung der Frachtkosten sind die Reeder weltweit den Weg der Ausflaggung gegangen. Sie ließen ihre Schiffe in Ländern wie Liberia oder Panama registrieren, dazu reichte eine fiktive Briefkastenfirma, und dann waren sie weitgehend befreit von Sicherheitsauflagen, Arbeitsschutz und heimischem Tarifrecht. Angeheuert wurden die billigsten Arbeitskräfte,von den Philippinen oder aus Bangladesh. 

Einen wichtigen Stellenwert im Welthandel haben nach wie vor die traditionellen Produkte des Kolonialhandels, Rohstoffe und Lebensmittel, Neben dem Erdöl, das vor 100 Jahren zum wichtigsten Handelsgut avancierte, haben in den letzten Jahrzehnten Kupfer, Aluminium und seltene Erden einerseits und landwirtschaftliche Produkte andererseits zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Das Erbe der alten Handelskompanien teilen sich einerseits Lebensmittelkonzerne wie Kraft, Nestle oder Lipton mit einer Handvoll Lebensmittelhändlern, die weltweit Weizen, Mais, Soja oder Palmöl vertreiben. Drei von ihnen sind alteingesessene US‐Firmen, die bereits im 19. Jahrhundert von Chicago aus Weizen, Mais usw. für die Städte der Ostküste vermarktet hatten und ihre Marktführerschaft seither weltweit behauptet haben. Erst jüngst sind zwei chinesisch‐russische Konzerne dazu gekommen.

Sie agieren heute quasi als Rohstofflieferanten für den weltweiten Bedarf an Futtermitteln für die Massentierhaltung und von industriell gefertigten Lebensmitteln, die ihrerseits wieder Supermarktketten a la Walmart, Rewe usw. beliefern. Sie alle gehören, wie bei uns die Aldi‐Brüder, zu den absoluten Weltmarktgewinnern, die seit den 60er Jahren rasant gewachsen sind und Milliardenvermögen verdient haben.

Zum Hauptlieferanten für Zucker und Soja ist inzwischen Brasilien aufgerückt – wo sich zulasten des Regenwaldes die Anbaufläche seit 2000 verdoppelt hat. Weltweit sind Großkonzerne dabei, riesigen Landbesitz aufzukaufen. Allein der argentinische Konzern El Tejar verfügt durch Kauf, Pacht oder Vertragsanbau über 700.000 Hektar überall in Südamerika. Amaggi, ein brasilianischer Familienbesitz baut auf 200.000 Hektar eigener Fläche Soja an. Nach UN‐Angaben haben sich Investoren seit 2000 rund 26,7 Millionen Hektar Land angeeignet. Im hungernden Afrika sind in letzter Zeit über zwei Millionen Hektar Anbaufläche an ausländische Investoren gegangen, und in der Ukraine teilen sich heute zehn Konzerne die Hälfte aller Anbauflächen im Land.

Den Handel mit Rohstoffen, Öl und Metalle, dominieren ebenfalls wenige Großkonzerne. Von der Schweiz aus operieren heute gleich fünf Handelshäuser, Glencore, Vitol, Trafigura, Gunvor, und Mercuria,die es gemeinsam auf einen Umsatz von über 500 Mrd.Dollar bringen. Geographisch war die Schweiz zwar nicht prädestiniert, zur Metropole des Überseehandels aufzusteigen, aber sie bringt andere wichtige Standortvorteile mit: Diskretion, finanzstarke Banken und niedrige Steuern. Den Gründer des Marktführers Glencore, Marc Rich, zog in die Schweiz, als er in den USA wegen Steuerhinterziehung, Manipulation des Ölmarkts und “Handel mit dem Feind” angeklagt wurde.Heute ist die Firma im Besitz von 500 Teilhabern, die gemeinsam von den Erzeugern und Ölkonzernen Rohöl oder Benzin auf‐ und verkaufen, Schürfrechte an afrikanischen Minen haben und Kupfer oder Aluminium nach Europa verschiffen, in Südost‐Asien Palmöl und Süd‐Amerika Mais und Weizen aufkaufen und auf allen möglichen Kontinenten einen Landbesitz von 270.000 Hektar zusammengekauft haben.

Andere Ölhändler folgten dem „King of Oil“ und gründeten ihrerseits in der Schweiz weltweit agierende Handelsunternehmen,so zwei „Rich Boys“ ‚die 1993 die Trafigura Beheer aus der Taufe hoben, die inzwischen mit 75 Mrd. Umsatz zur Nummer drei der Branche ist. Andere Rich Boys setzten in den 90ern auf die privatisierten russischen Ölförderer, und ihre Gunvor Group brachte es bis 2010 auf 65 Mrd. Umsatz.

Die traditionellen Kolonialwaren, Gewürze, Kaffee, Tee, Schokolade und Baumwolle, tragen bis heute „zu Recht“ diesen Namen, weil das Geschäft mit ihnen nach wie vor von den Interessen der ehemaligen Kolonialherren bestimmt wird.

Die Kakao‐Branche veranschaulicht, wie die Markt‐ und Machtverhältnisse aussehen: 60 % der Kakao verarbeitenden Industrie ist in den Händen von zweiKonzernen, Barry Callebaut (Schweiz) und Cargill USA). Der geschätzte Nettoumsatz der Schokoladenindustrie liegt bei 100 Milliarden US‐Dollar im Jahr. Demgegenüber stehen 5,5 Millionen Bäuerinnen und Bauern, die Kakao anbauen. Insgesamt ist für 40 – 50 Millionen Menschen Kakao die Haupteinnahmequelle, und in den Hauptanbaugebieten in Elfenbeinküste und Ghana arbeiten rund 2,26 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren. Geschätzte 90 % der Verkaufserlöse gehen an die Handelsketten; selbst bei Fair‐trade bleiben nur 15 % bei den Produzenten.

Kaffee wird heute, von Mittelamerika über Afrika bis nach Vietnam auf 10 Millionen Hektar Fläche angebaut. Die weltweite Ernte liegt bei 120 Millionen Sack mit je 60 Kilogramm.. Gehandelt wird das Pfund Kaffee derzeit zu 1,80 US‐Dollar Angebaut und geerntet wird er von 26 Millionen Produzenten und Abermillionen Erntehelfern. Über Qualität, Sortenwahl und Preise wachen hauptsächlich die fünf größten Kaffeeröster: Kraft, Nestlé, Procter & Gamble, Sara Lee und Tchibo. Wie beim Kakao sorgen sie dafür, dass die Pflanzer nur 10 Prozent vom Endpreis abbekommen.

Beim Tee sind nach wie vor die ehemaligen britischen Kolonien (inklusive China), die Hauptanbaugebiete, so Indien, Kenia und Sri Lanka. In den Export gelangten 2012 rund zwei Millionen Tonnen. Derzeit kostet ein Kilogramm Tee durchschnittlich rund 3,20 US‐Dollar. Hier sind es nur drei Konzerne, die den internationalen Handel und die Preise beherrschen: Unilever (Marke: „Lipton“), der indische Konzern Tata („Tetley“) und Associated British Foods („Twinings“) – über sie laufen 80 Prozent des globalen Teehandels.

Baumwolle war einst die Kolonialware, die am engsten verknüft war mit Sklavenarbeit. Das ist heute anders – und doch wieder nicht. Die heutigen Baumwollplantagen werden maschinell betrieben. Die Baumwollpflücker von einst gibt es nicht mehr. Kunstfasern haben einen großen Teil des Textilmarktes erobert. Dennoch hat sich der Baumwollanbau seit 1900 vervielfacht (von 3 Mio. auf 23 Mio. in 2008), Hauptproduzenten sind China, Indien und die USA. Der gestiegene Bedarf resultiert zum einen aus der demographischen Entwicklung, zum anderen aus den saisonal geprägten Modezyklen und der Erschwinglichkeit von billigen Klamotten heute. Entschieden beigetragen dazu hat auch hier die Verlagerung der Textilproduktion an Billiglohnstandorte, China, Bangladesh, Türkei. In den dortigen Fabriken sind nun die Arbeitsbedingungen und Herrschaftsverhältnisse nicht viel anders als während der Sklavenwirtschaft. Nur die Produktivität (und der Stress) der weiblichen Arbeitssklaven ist massiv gesteigert worden. Sie arbeiten meistens bis zu 70 Stunden die Woche, ihre Mindestlöhne bewegen sich zwischen 120 Euro in Chiina und 50 Euro in Bangladesch; beides reicht nicht, um auch nur die Ernährung und eine Wohnung zu finanzieren. Auf der anderen Seite, müssen in Deutschland, das 2012 für 47 Mrd Euro Textilien importierte, nur 5 Prozent des Haushaltseinkommens für Kleidung ausgegeben werden, 1970 waren es noch 12 Prozent.

Der digital vernetzte Weltmarkt

Die Branche, die die Globalisierung von Anfang an und am rasantesten vorangetrieben hat, ist die Computertechnologie. Den Anfang markiert der Vertrag, den Bill Gates 1980 mit IBM schloss, womit sein Betriebssystem MS‐DOS quasi eine Monopolstellung erhielt und der atemberaubende Aufstieg von Microsoft begann. Mit ihm und den später hinzugekommenen Silicon Valley‐Unternehmen, Intel, Apple, Google usw., ist auch ein neuer Unternehmenstyp entstanden, der statt mit materiellen Gebrauchsgütern fast nur noch mit Know‐how (IP = Intellectual Property) seine Gewinne erwirtschaftet. Und während die Wirtschaft ansonsten gegenüber der Nachkriegszeit eher bescheidene Wachstumsraten erzielte, brachten es Gates, Jobbs, Zuckerberg und die anderen innerhalb weniger Jahre zu zweistelligen Milliarden‐Vermögen. Auch die Produzenten von PC´s, Laptops, Spielkonsolen, Smartphones und die Halbleiterbranche wuchsen schnell, waren aber nicht die eigentlichen Trendsetter. Profitiert haben von der neuen Branche die Unterhaltungselektronik, der Fahrzeug‐ und Maschinenbau, deren Produkte mehr oder weniger auch zu Endgeräten der Digitaltechnik geworden sind und es den Konzernen ermöglichten, alle Jahre mit innovativen Modellen am Markt zu reüssieren. Einen gewaltigen Innovationsschub hat die Mikroelektronik auch innerhalb der Betriebsabläufe in Unternehmen und Verwaltungen gebracht. Dort hat der Einzug der Computer ein Vielfaches an Rationalisierung, Personaleinsparung und Arbeitsverdichtung gebracht, als es vor100 Jahren Taylorismus, Fließfertigung und Toyotismus getan haben. Nicht zuletzt ist auch der Welthandel durch die Computertechnologie immens erleichtert und beschleunigt worden. Die Warenströme sind, dank GPS, zuverlässig zu orten und zu dirigieren, damit auf die Minute genau angeliefert wird, und der Warenumschlag in den Containerhäfen ist mittels Automatisierung drastisch verkürzt worden.

Die weltweite Arbeitsteilung bei der Herstellung der digitalen Endgeräte folgt dem bekannten Muster: Die seltenen Erden kommen aus dem Kongo und Russland, Festplatten werden, je nach Qualität, in Asien, Europa und Nordamerika gefertigt, die Endgeräte vornehmlich in Asien zusammen gebaut. China ist auch hier zum größten Hersteller avanciert. Weltweit die Nummer Eins ist das ursprünglich in Taiwan beheimatete Unternehmen Foxconn. Es produziert fast nur in China und ist heute dessen größtes Exportunternehmen. 2012 beschäftigte es 1,2 Millionen Menschen, die 40 Prozent der weltweit verkauften Unterhaltungselektronik montierten, im Auftrag von Apple, Acer, Sony. Hewlett‐Packard, Dell, Nokia und PlayStation. Alle „Markenprodukte“ werden also in derselben “Werkstatt“ zusammengebaut.

Als 2010, nach einer Selbstmordserie in den Betrieben, öffentlich, wie dort sklavenmäßig malocht werden muss, 70 Stunden die Woche, mit militärischem Drill, Schikanen und einem Stundenlohn von 1,50 Dollar war das nur kurzzeitig ein Imageverlust für die Prämiummarke Apple. (Jetzt, 2017, verkündete Trump stolz, dass Foxconn 10 Milliarden für Werke in den USA investieren will.)

Bilanz 1: 100 Jahre Wachstum

Lenin hat vor 100 Jahren den Siegeszug der Großkonzerne, ihre Welteroberungen und Kriegslüsternheit zutreffend analysiert, vielfach die Tendenzen vorgezeichnet, die das Geschehen bis heute bis heute diktieren. In einem Punkt hat er fataler Weise geirrt. Er schreibt zum Ende: In dem Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend, eingeführt werden,… entsteht die ökonomische Möglichkeit, den technischen Fortschritt künstlich aufzuhalten…

Der Imperialismus bedeutet eine ungeheure Anhäufung von Geldkapital in wenigen Ländern,.. Daraus ergibt sich das außergewöhnliche Anwachsen der Klasse oder, richtiger, der Schicht der Rentner, d.h. Personen, … deren Beruf der Müßiggang ist. Der Rentnerstaat ist der Staat des parasitären, verfaulenden Kapitalismus.“

Hier ist Lenin seinem empirischen Lieferanten, Schulze‐Gaevernitz, oder seinem Wunschdenken auf den Leim gegangen. Der Dualismus „fortschrittliches Produktivkapital“ vs. “parasitäres Wucherkapital“ war eben in Deutschland immer populär – um die Handelsnationen England und USA als Hauptbösewichte abzustempeln. Die Nazis machten daraus das gute schaffende und das jüdische raffende Kapital, und heute begegnet es uns, wenn der alte rheinische Kapitalismus idealisiert und die Wall Street‐Banker gegeißelt werden.

Die hundertjährige Geschichte des Imperialismus ist, ökonomisch gesehen, also weithin identisch mit der Entwicklung in einigen Dutzend fest etablierten Konzernen sowie etlichen Newcomern aus neuen Branchen. Alle großen technologischen Innovationen haben in ihnen statt gefunden, und sie haben an dem Grundmuster von Arm und Reich, Herrschaft und Unterdrückung, Erster und Dritter Welt nichts geändert. Was die Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre zu einer neuen Phase macht, ist der Aufstieg jener ostasiatischer Staaten, die angestoßen durch das japanische Modell der Produktionsverlagerung in Billiglohnregionen in recht kurzer Zeit den großen Sprung auf Weltniveau geschafft haben. Die „nachholende Entwicklung“, die die Industriestaaten mit ihrer kontraproduktiven Entwicklungshilfe propagiert, aber nie realisiert haben; hat hier funktioniert. Und es ist eine besondere Pointe, dass ausgerechnet China wenige Jahrzehnte nach Maos „Großen Sprung“ ihn jetzt vollzogen hat – und das angeleitet durch einen Staat, der sich immer noch als kommunistisch darstellt. China ist aber auch insofern ein Sonderfall, als sein Aufstieg nicht als regionale Randerscheinung eingestuft werden kann, der ganze Weltmarkt hat sich damit quasi verdoppelt und ein neues Gesicht erhalten.

Man kann abschließend nicht sagen,ob dieser Eintritt in eine neue Phase des Imperialismus gut oder böse ist. Die Massen in China selbst erleben bzw. erleiden beides. Und ebenso wenig kann prognostiziert werden, wie die Geschichte weitergeht, ob das chinesische Beispiel Schule macht und auch anderswo eine nachholende Entwicklung möglich ist. Auch was passiert, wenn demnächst die Markterweiterung vollzogen ist und dort westliches Kapital und Know‐how nicht mehr nachgefragt werden, weiß man nicht.

Bilanz 2: Hundert Jahre Elend

Die ehemalige Dritte Welt hat bei der internationalen Konkurrenz immer nur verloren. Die Versuche, jenseits des Weltmarktes eine eigenständige Entwicklung zu realisieren, sind alle gescheitert. Die Alternative einer Abkopplung vom Weltmarkt, um der Konkurrenz auszuweichen, hätte den Verzicht auf quasi alle Importe, von Düngemitteln und Traktoren, über die Anlagen der Grundstoffindustrien bis hin zu Fahrzeugen, Elektroartikeln und Medikamenten bedeutet – und das für mindestens zwei oder drei Generationen. Soviel Selbstaufopferung hat keine der zur Macht gekommenen nationalen Befreiungsfronten auf sich nehmen oder ihrer Bevölkerung zumuten wollen. Die dortigen Eliten waren und sind, wie die hiesigen, nicht heroisch genug, ihrerseits auf westliche Konsumgüter und eine moderne Infrastruktur zu verzichten, und so einigten sie sich mit ihren vormaligen Kolonialherren auf eine Entwicklungspolitik, die hauptsächlich der Infrastruktur zugute kam (Schulen Krankenstationen, Kraftwerke, Verkehrsanbindung und Verwaltungsbauten) und zumeist mit Aufträgen für Konzerne der Geberländer realisiert wurden. Da vieles davon kreditfinanziert war, führte das in relativ kurzer Zeit in eine Verschuldungskrise, die um 1980 etliche Staaten Afrikas und Lateinamerikas in den Staatsbankrott führte. Wie wir es jüngst in Griechenland erlebt haben, diktierte daraufhin der IWF drastische Sparprogramme, in Argentinien den Verkauf aller profitablen Staatskonzerne und vielen anderen Ländern die Schließung von Schulen und Krankenhäusern. Toleriert wurden nur noch Wirtschaftstätigkeiten für den Weltmarkt, um so ihre Schulden begleichen zu können. 

Auch ohne ein solches Diktat implizierte die Ausrichtung am „freien Weltmarkt“, dass überall im Süden die Reste einer halbwegs intakten Regionalwirtschaft mit bäuerlicher Landwirtschaft, Handwerk und Händlern kaputt gingen. In Supermärkten verdrängten subventionierte Lebensmittel der EU oder billige Textilien und Haushaltswaren heimische Produkte, was die Entvölkerung ländlicher Regionen und die Massenarbeitslosigkeit in den Elendsquartieren der Großstädte weiter erhöhte. So hängt alles ab von den verfügbaren Kolonialwaren, Bodenschätzen und Lebensmitteln für den Export. An eine nachholende industrielle Entwicklung ist nirgends zu denken.

Nach der Schuldenkrise von 1980 erklärte die UNO die 80er Jahre zum “Jahrzehnt der Entwicklung”. Am Ende des Jahrzehnts war die Zahl der sog. “Ärmsten Entwicklungsländer”, wo weniger als $370 im Jahr verdient wird, von 31 auf 41 angestiegen. Unter dieser vom IWF festgelegten ‘Armutsgrenze’ leben weltweit 1,1 Milliarden Menschen. Ganz Lateinamerika ist wirtschaftlich auf das Niveau von 1970 zurückgefallen; Afrika ist heute genauso arm wie 1960.

Der Trend hält bis heute an. Jüngst konstatierte ein UN‐Report, dass nach mehr als zehn Jahren die Zahl der weltweit Hungernden erstmals wieder ansteigt. Somit waren letztes Jahr 815 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Das sind elf Prozent der weltweiten Gesamtbevölkerung.

Gleichzeitig gibt es laut ILO etwa noch 152 Millionen Fälle von Kinderarbeit, 40 Millionen, die in Sklavenarbeit gezwungen sind; und nach Schätzungen des Internationalen Arbeitsamtes in Genf (IAA) beträgt die Zahl der Arbeitskräfte, die 1 US‐Dollar oder weniger am Tag verdienen, rund 550 Millionen. Die Zahl der weltweit erwerbstätigen regulären und irregulären Arbeitsmigranten kann nicht ermittelt werden. Die ILO schätzt vorsichtig ihren Umfang auf 86 Millionen Menschen.

Hand in Hand mit diesen ökonomischen Daten geht eine kulturelle, gesellschaftliche und politische Verelendung. Engels schilderte, wie in England seinerzeit das materielle Elend zu Prostitution, Alkoholismus, Kriminalität und Zerfall sozialer Bindungen führt. Dasselbe passiert heute in den Elendsquartieren überall auf der Welt. Hier sind es Drogenkartelle, die ganze Landstriche beherrschen und terrorisieren, dort Kindersoldaten, die ethnische Konflikte ausfechten oder in muslimischen Ländern Gotteskrieger, die in den Djihadd ziehen. Auch dieses Muster kennen wir aus der Kolonialgeschichte. Als im 19. Jahrhundert England wegen seiner Teeimporte aus China die Devisen knapp wurden, warfen sie Opium aus Südostasien auf den chinesischen Markt, was dazu führte, dass bald Millionen Chinesen drogenabhängig wurden, die Wirtschaft zum Erliegen kam und die staatliche Ordnung verloren ging. Eine vieltausendjährige Kultur zerfiel und regionale Jugendbanden terrorisierten überall das Land.

Bilanz 3: Zur Globalisierungsdebatte in Deutschland

1914 zog das Deutsche Reich für einen „Platz an der Sonne“ in den Ersten Weltkrieg. Die Wirtschaftsführer des Reiches hatten dazu Memoranden erstellt, um welche Kriegsziele es gehen müsse. Nach der Niederlage dauerte es nur 20 Jahre, bis die Nazis versuchten, die gleich gebliebenen wirtschaftlichen Kriegsziele im Zweiten Weltkrieg zu realisieren. Erst in der Nachkriegsordnung und auf friedlichem Wege erhielten die deutschen Konzerne das, was sie 1914 als Kriegsziel formuliert hatten: die Beherrschung des mitteleuropäischen Wirtschaftsraums, den Zugriff auf osteuropäische Ressourcen und den „Platz an der Sonne“ qua billiger Kolonialwaren und Rohstoffe.

In beiden Weltkriegen stand das Volk weithin geschlossen hinter den jeweiligen Kriegsverbrechern. Das hatte zu einem beträchtlichem Teil ideologische Ursachen, Nationalismus, Rassismus und Führerkult, aber das Völkische hatte auch zweckrationale Aspekte, die Identifikation mit der Deutschland‐AG, mit der Expansion von Siemens und Daimler, Krupp‐Thyssen und den IG‐Farben. Dass auch der „Kleine Mann“ von deren Weltmarktstrategien profitiere, war nicht abwegig.

Und bei den heutigen Globalisierungsdebatten ist es genauso: Nicht nur Konzerne und Superreiche haben vom Weltmarktaufschwung profitiert.

Unter Einrechnung der Euro‐Umstellung und inflationsbereinigt 2016 wuchs das BIP laut statistischem Bundesamt von 1980: 946 Milliarden auf 1,95 Billionen im Jahr 2000 und bis 2016 auf 3,467 Billionen Euro. Laut Europäischer Zentralbank haben die Deutschen rund 8 Billionen Euro auf der hohen Kante. Die ominöse „Mitte der Gesellschaft“ verdient zwischen zwei‐ und viertausend Euro monatlich, 20% Gutverdienende haben, mehr als 4.500 Monatseinkommen, Beamte verdienen im Schnitt 4.000 Euro. Das Bruttovermögen aller Deutschen belief sich laut Europäischer Zentralbank 2014 auf 8.000 Milliarden €; wären sie gleichmäßig verteilt, wären das 195.000 pro Haushalt. Akademikerhaushalte haben de facto im Schntt über 120.000 € Vermögen, 20 % aller Deutschen haben Immobilienbesitz zur Vermietung. Und der Wohlstand der Wohlhabenden wird durch Schenkungen und Erbschaften jährlich um über 100 Milliarden Euro zusätzlich vermehrt. Im übrigen ist auch leicht an der kaufkräftigen Nachfrage zu ermessen, wie Wohlstand zugenommen hat: Man kann es sehen an der rasanten Zunahme der Premium‐ und Großraum‐Pkws, bei Flug‐ und Fernreisenden oder bei Saturn und Media‐Markt.

Gleichzeitig hat sich der Staat die Wachstumsprämissen des Weltmarktes, Lean Production und Senkung der Lohn(neben)kosten, zu eigen gemacht. Das Toyota‐Prinzip der Kostenminimierung wurde auch in der staatlichen Verwaltung und Staatsbetrieben durchgesetzt. Letztere wurden in großem Umfang privatisert; auf Bundesebene die Post, Telekom, Lufthansa usw., auf Länder‐und kommunaler Ebene Krankenhäuser, Stadtwerke (Energie, Wasser…) und der Sozialwohnungsbestand. Hinzu kam die Privatisierung der gesamten DDR‐Wirtschaft und staatlichen Daseinsvorsorge nach der Wiedervereinigung. Zeitgleich mit der Privatwirtschaft wurden auch bei öffentlich Beschäftigten Einkommen durch Outsorcing, befristete Arbeitsverträge und Leiharbeit hierarchisiert und gekürzt. Und in jeder Legislaturperiode bestand „Reformpolitik“ hauptsächlich in der Senkung der Lohnnebenkosten für Unternehmen und deren Beschäftigten, wozu die Leistungen bzw. Einkommen von Rentnern, Arbeitslosen und Kranken schrittweise beschnitten wurden. Anfang der 70er Jahre wurde noch diskutiert, ob 70 bzw. 75 % des bisherigen Einkommens bei Renten und dem Arbeitslosengeld ausreichend sind, so ist man bei den Renten heute bei 43 % und beim maximal zwei Jahre zu zahlenden AlG bei 60 % angelangt. 2014 lag so der durchschnittliche Zahlbetrag der Versichertenrenten bei 1.061 Euro (Männer) bzw. 770 Euro (Frauen) in den alten Bundesländern und bei bei 993 Euro (Männer) bzw. 532 Euro (Frauen) in den neuen. Und das AlG II wird, wie bei der alten Sozialhilfe, jährlich von „Fachleuten“ bemessen, was zum Überleben notwendig ist; z.B. 137 Euro für Ernährung, 34 für Bekleidung, 15 für Gesundheit und 1,01 Euro für Bildung.

Auf der anderen Seite wurden die Wirtschaft und Gutverdienende massiv steuerlich entlastet: der Spitzensteuersatz von 56 % auf 42 % abgesenkt, die Körperschaftssteuer auf 15 %, die Freibeträge bei der Erbschaftssteuer drastisch erhöht, die Lohnsummen‐ und Gewerbekapitalsteuer wurden ganz abgeschafft, ebenso die Vermögensssteuer; nur die Mehrwertsteuer wurde seit 1979 von 13 auf 19 % erhöht.

Dass der Staat mit dieser neoliberalen Wirtschafts‐ und Sozialpolitik die Schere zwischen Arm und Reich weit geöffnet und soziale Ungerechtigkeit verschärft hat, ist unübersehbar und die Klage darüber weitverbreitet. Ausgeblendet wird dabei allerdings die ökonomische Kohärenz dieser Politik. Dass weitgehend allein die Kapitalakkumulation Wachstum und Wohlstand generiert, haben 100 Jahre Globalisierung empirisch belegt. Die von Galbraith und den Keynesianern vertretene These, dass der Massenwohlstand durch den Ausbau des Sozialstaats und antizyklische Interventionen gesichert werde, hat sich nicht bewahrheitet. Die Stimulierung des Wachstums durch Nachfrageerweiterung kann womöglich konjunkturelle Krisen überbrücken, strukturell aber ist es immer die Angebotspolitik, bzw. der Produktivitätsfortschritt, die darüber entscheiden, ob die Volkswirtschaft floriert. Blickt man auf die 100 Jahre zurück, so waren es die entbehrungsreichen Kriegszeiten, die die größten Produktivitätsfortschritte bescherten; das Wirtschaftswunder der 50er und 60erJahre war nicht Resultat eines rheinischen Kapitalismus mit Sozialstaatsgarantie, sondern Erbschaft der Modernisierungen, die die Rüstungsindustrie und das Schaffen für den „Endsieg“ realisiert hatten.

Dass allein so Stabilität und Wachstum realisiert wurden, ist weithin Propaganda. Im Rückblick ist es so, dass über alle Jahre und Haushaltsdebatten hinweg Krisenangst geschürt wurde, so als stünde das Land wegen Sockelarbeitslosigkeit und Staatsverschuldung kurz vor dem Ruin. Und allein dieses Angstgespenst lieferte das Argument, dass Sparen,Verzicht und Sozialkürzungen unausweichlich seien. Dabei ist die „unerträgliche Last“ der Finanzierung von Erwerbslosigkeit seit Anfang der 70er bis heute nur von einem auf lächerliche drei Prozent der Bruttolöhne angestiegen. Und die Verschuldung resultiert schlicht aus dem neoliberalen Märchen, dass Steuererleichterungen qua Wachstum zu mehr Staatseinnahmen führen. Sie haben aber seit 1980 nur den schlichten Effekt gehabt, dass die Begünstigten zusätzlich mit Vermögensanlagen Gewinn machten, etwa bei Staatsanleihen, mit denen der Staat dann wiederum zunehmende Schulden finanziert.

Das Wachstumsmuster der Volkswirtschaft ist trotz allem neoliberalenTamtam unverändert geblieben. Es gab geringere, aber kontinuierliche Wachstumsraten mit ebenso regelmäßigen kurzen Krisenphasen, zuletzt die weltweiten Spekulationskrisen im IT‐Sektor (2000) und die Immobilien‐ und Bankenkrise 2008. Zwar haben über die Jahrzehnte die Wachstumsraten abgenommen, in absoluten Zahlen aber nimmt die Masse an Gütern und Dienstleistungen heute noch mehr zu als im Wirtschaftswunder oder zu Zeiten Willy Brandts. (Wachstum 1976: 5 %, das waren absolut 50 Mrd. DM mehr, 2016 waren es „nur“ 1,9 %, absolut aber 113 Mrd Euro.)

Selbstverständlich haben Privatisierungen, Senkung von Löhnen und Lohnnebenkosten die Verwertungsbedingungen des Kapitals verbessert (und die Lebensbedingungen der Betroffenen verschlechtert). Aber selbst die einschneidendste Kürzung, die Agenda 2010, war gar kein wesentlicher Faktor für dasWachstum der Folgejahre. Als sie, 2004, beschlossen wurde, befand sich Deutschland infolge der Spekulationskrise in der IT‐Branche, gerade in einer dreijährigen Stagnationsphase mit massiven Kursverlusten und gestiegener Arbeitslosigkeit, Bis 2008 wurde diese Delle mit Wachstumsraten von drei Prozent ausgeglichen, bis dann 2008 die Immobilienkrise hereinbrach, auf die wiederum 2010/11 ein Plus von über 4% folgte um sich dann bei ein bis zwei Prozent einzupendeln (so im übrigen auch in den 90er Jahren). Auch bei den Investitionen ist kein Unterschied, vor und nach Hartz IV, auszumachen. Richtig dagegen ist, dass die Lohnkosten reduziert wurden, aber das haben die Tarifparteien ausgehandelt. Und die neuen Rekordzahlen für die Beschäftigung und der Rückgang der Arbeitslosenzahlen haben selbstredend auch nichts mit Rentenkürzung und Hartz IV zu tun. Wer Erklärungen dafür sucht, findet sie auf dem Riesenmarkt China, der deutschen Maschinen und Autos derzeit grandioses Wachstum beschert.

Lean production, schlanker Staat, Flexibilisierung und die Priorität für billige Konsumgüter haben ihre hässlichen Seiten hinterlassen. Die weltweite Lohnhierarchie hat auch hier zur Verbreitung von Billigjobs geführt. So weist die deutsche Statistik aus, dass 2015 21% aller Beschäftigten unter der offiziellen Niedriglohngrenze von 10,00 Euro pro Stunde arbeiteten; 1,9 Millionen Personen bezogen Mindestlohn (8,84 Euro), in Leiharbeit beschäftigt waren 960.000 und 2,7 Millionen hatten befristete Arbeitsverträge. Auch hier hat der Staat nachgeholfen. Aber selbst die Tarifpolitik der Gewerkschaften hat dem kaum entgegen gewirkt. Seit Jahrzehnten vereinbaren sie prozentuale Lohnerhöhungen, was die Einkommensunterschiede zwischen oberen und unteren Gehaltsgruppen ebenfalls größer werden lässt, separate Firmentarife in den Großkonzernen haben dafür gesorgt, das dort um 77 Prozent höhere Löhne gezahlt werden als anderswo, und ebenso haben sie die Befristung der Arbeitsverträge der Gastarbeiter (bis zum Anwerbestopp 1973 über 14 Millionen,von denen nur ein bis zwei Millionen hierblieben.) nicht nur toleriert, sondern direkt eingefordert.

Insgesamt ist die Debatte um angemessene oder gerechte Löhne vielfach verlogen. Dafür gibt es nämlich keine objektiven Kriterien oder rein ökonomische Notwendigkeir. Dass am untersten Ende die Löhne der Friseusen und Verkäuferinnen stehen, hat weder damit zu tun, dass sonst Supermärkte und Friseurgeschäfte ins Ausland abwandern würden, noch damit, dass die Branche zu wenig abwirft: Bekanntlich gehören Aldi, Metro, Rewe & Co zu den Konzernen, die in den letzten 40 Jahren die größten Vermögen angehäuft haben. Ausschlaggebend sind vielmehr Machtfragen und Herrschaftsideologien: Frauen wurden immer schon als „Dazuverdienende“ bzw. in „Leichtlohngruppen“ eingestuft. Und bei dieser Willkür ist es geblieben. Auch dass Leute in Schlips und Kragen besser gestellt werden müssen als die im Blaumann hat immer noch Gültigkeit: Banken und Versicherungen zahlen die höchsten Löhne, obwohl hier weder lange Studienzeiten noch innovative Fähigkeiten verlangt werden.

Insgesamt hat sich die Sozialstruktur der bundesdeutschen Gesellschaft vor allem durch die technisch‐wissenschaftliche Revolution seit den 60er Jahren erheblich gewandelt. Die Nachfrage nach akademisch ausgebildeten Ingenieuren, Betriebswirten, Softwareenwicklern usw. verlangte nach der Bildungsreform Ende der 60er Jahre; in deren Folge stieg der Prozentsatz der Abiturienten von fünf auf annähernd 50 Prozent eines Jahrgangs. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen entsprechend. Allein zwischen 1991 und 2011 haben sie sich verdoppelt, von 37,8 auf 75,5 Milliarden Euro. 2015 waren in diesem Bereich 640.000 tätig, die meisten (gut 400.000) in der Wirtschaft – und dort wiederum zu 75% in Großunternehmen. Damit haben sich natürlich auch Löhne und Einkommen weiter hierarchisiert, und die gleichzeitig erfolgte Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen mit geringem Qualifikationsniveau führte auch zur Zementierung anhaltender Arbeitslosigkeit, zumal in diesem Segment die millionenfach Zugewanderten am ehestehen beruflich unterkamen.

Hinzu kommen kulturelle Umbrüche, die mit der sozialen Umstrukturierung Hand in Hand gingen. Das traditionelle Arbeitermilieu wurde marginalisiert oder ist ganz verschwunden: die Gewerkschaftsbindung hat abgenommen, der gesamte gemeinwirtschaftliche Sektor, das Konsum, die Neue Heimat, Bank für Gemeinwirtschaft usw., ist verschwunden und mit ihr die Option, kollektiv für Emanzipation und sozialen Aufstieg zu sorgen. Im Kontext dieser Entwicklung haben dann auch kommunistische und sozialdemokratische Parteien massiv an Einfluss verloren — auch weil ihre Alternativen: Allgemeiner Wohlstand durch Sozialpartnerschaft bzw. staatliche Wirtschaftslenkung nicht den gewünschten Erfolg hatten. Die „neuen sozialen Bewegungen“ (Feminismus, Ökologie usw.) haben zwar einige innovative, gesellschaftsverändernde Elemente in die politische Kultur eingebracht, aber sie haben sich erstaunlich schnell in die vorgegebene Arbeits‐ und Konsumwelt mit ihren Herrschaftsverhältnissen eingepasst. Der Auf‐ bzw. Abstieg der Grünen von der „Protestpartei“ zum loyalen Manager der Deutschland AG spiegelt das wider.

Die traditionelle linke Kritik am Weltmarkt orientiert sich nach wie vor an der Kritik, die Marx im Kapital entwickelt hat. Vieles davon hält einer empirischen Prüfung 150 Jahre später stand. Gerade mit Blick auf die heutige Weltwirtschaft ist z.B. die Tendenz, die Löhne auf oder unter das Existenzminimum zu drücken, unübersehbar. Ebenso haben Konzentration und Zentralisation des Kapitals über alle Jahrzehnte weiter zugenommen, und die zyklische, krisenhafte Konjunkturentwicklung hat sich auch, bis hin zur Bankenkrise 2008, ständig fortgesetzt. Allerdings hat sich die Prognose, dass die kapitalistische Akkumulation zu ständiger Verelendung, immer katastrophaleren Krisen führt und schließlich an unüberwindliche Wachstumsschranken gerät, als falsch erwiesen. Lenins These von der verfaulenden, parasitär‐ unproduktiven Imperialismusphase muss heute als absurd erscheinen. Fakt ist schlicht, dass die industrielle Reichtumsproduktion in den letzten 100 Jahren immens zugenommen hat und in ihren Zentren auch ein erheblicher Massenkonsum möglich wurde.

Die Frage, wie sich die Weltwirtschaft weiter entwickeln wird, kann und will ich nicht prognostizieren. Ob dasWachstum anhält oder es doch zum großen Kladderadatsch kommt, ist auch nicht die wesentliche Frage, in beiden Fällen könnte es zu katastrophalen politischen Verhältnissen kommen. Es ist heute evident, dass wirtschaftlicher Erfolg oder technischer Fortschritt durchaus nicht per se das Leben verbessern, von mühseliger Arbeit befreien, ökologische Katastrophen verhindern oder auch nur halbwegs demokratische Zustände mit sich bringen. Nicht zufällig erleben wir eine Renaissance rassistischer und nationalistischer Tendenzen sowie den Aufstieg charismatischer politischer Führer, denen sich die Massen gern unterordnen.

Wenige Jahre nach Lenins Imperialismus‐Schrift kam in Italien Mussolini an die Macht, und bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs hatte der Faschismus fast ganz Europa erobert. Ob sich ein derartiger Rückfall in die Barbarei wiederholt, weiß man nicht. Aber wir wissen um den „hilflosen Antifaschismus“, der für alles das internationale Finanzkapital verantwortlich macht, immer den Kleinen Mann in Schutz nimmt, auch wenn der voller reaktionärer Ansichten steckt und aggressiven Rassismus äußert. Demgegenüber ist darüber aufzuklären, dass nicht nur die Kolonialmächte, ihre Handelshäuser und Großkonzerne eine historische Konstante sind, sondern auch die Mentalität der Massen, Bürger wie Arbeiter, die auch für einen „Platz an der Sonne“ alles tun, es gelernt haben, sich mühseliger Arbeit und den Chefs unterzuordnen und mitleidslos auf die „Kranken und Schwachen“ herabsehen.

Demokratie bleibt eine brüchige Sache, solange Reichtumsmehrung oberstes Ziel ist, denn die führt zur Herrschaft der Konkurrenz, zu Leistungshierarchien und einer Arbeitsdressur, die auch mit moderner Pädagogik zu angepassten, verzichtsbereiten Untertanen führt. Und im Rücken der ökonomisch‐ technischen Fortschrittsgläubigkeit entstehen dann jene irrationalen Regungen und Weltbilder, die ganz und gar nicht dem „Stand der Forschung“ entsprechen. Dann gibt es eine Renaissance von religiösem Fanatismus, allerlei esoterischer Wundergläubigkeit, absurden Verschwörungstheorien, von Rückfälle ins heimatliche Stammesdenken oder die Behandlung von Fremden als Rechtlose, gegen die Gewalt (griechisch: Syle) legitim ist, es sei denn, der Staat schützt sie durch Asyl. Nicht alle dieser mythischen Erweckungen sind gleichermaßen barbarisch gewaltbeladen, aber sie alle spiegeln die emotionale Kälte und charakterliche Verhärtung, die die moderne Arbeitswelt dem Menschen abverlangt. Und kulturgeschichtlich sind sie Ausdruck dafür, in welch hohem Maße Ideologien ein Eigenleben führen, jenseits aller ökonomisch‐technischen Fortschritte.

Die Reduktion des Menschen auf seine Rolle als Produktivkraft kennzeichnet den neuen Weltmarkt‐Kapitalismus, aber die linke Kritik daran leistet dem sogar Vorschub, wenn sie nur damit argumentiert, dass mit Enteignung der Monopole und staatlicher Lenkung Fortschritt und Wohlstand für alle gesichert werden könne.

Diese Mentalität prägte den realen Sozialismus, und sie hat sich auch nach dem Ende der DDR weithin erhalten. „Hauptsache Arbeit“ ist politisches Leitmotiv geblieben. Der sarkastische Gag, dass der Deutsche laut Umfragen lieber einen nahen Verwandten verliert als seine Arbeit, ist dort besonders realitätsnah. Und auch hier ist es so, dass hinterrücks die archaischen Mythen von trauter Heimat, Heldentum und bedrohlichen Hunnen wieder populär werden und sich zu einer neofaschistischen Bewegung verdichten. Der AfD‐Wähler will aber nicht hauptsächlich Arbeit, er will Ausländer rausschmeißen, Nulltoleranz und Todesstrafe, Lesben, Schwule und Emanzen in die Schranken weisen, mit Liberalismus und freier „Lügen“presse aufräumen und das Recht der Stärkeren wiederherstellen. Wer der AfD‐Basis unterstellt, sie reagiere nur auf ökonomische Defizite, kommt ihr auf halbem Wege entgegen, wahrscheinlich deshalb, weil das, was auch sie selbst latent umtreibt, nicht als nationalistisch und ausländerfeindlich entlarvt werden soll.

Diese Urteilsweise ist auch in Teilen der Linken verbreitet, und wenn Vorrang für deutsche Arbeiter gefordert wird, Finanzspekulanten und Wall Street als Hauptbösewichte ausgemacht werden und Israel als Schurkenstaat gegeißelt wird, ist sie auch offen reaktionär. In bedrohliche Schieflage kommt die Partei allerdings auch, wenn sie konkretisieren muss, wie sie angesichts des Weltmarktes „das größte Problem unserer Zeit“, die „soziale Ungerechtigkeit“ (Die Linke, Wahlprogramm 2017) beseitigen und einen “lustvollen Sozialismus“ (ebenda) realisieren will.

Ein Weg führt dann zur Rückbesinnung auf keynsianische Elemente der Wirtschaftssteuerung: Stärkung der Nachfrage, Investitionen in Infrastruktur und Sozialbereich. Da lassen sich dann wunderbare Forderungskataloge aufstellen, die jedem kleinen Mann gefallen müssen: höhere Mindestlöhne und -renten, bezahlbaren Wohnraum, Subventionierung des öffentlichen Verkehrs, Bildungs‐ und Steuerreform etc. etc. Ein Pferdefuß dabei ist aber: Gerade diese Politik der Versprechungen ist es, die in den vergangenen Jahrzehnten zu Politikverdrossenheit und Resignation geführt hat. Statt zu mobiliseren, wird sie vermutlich langweilen. Eine andere Frage ist, inwieweit nationale „Sonderwege“ angesichts von Weltwirtschaft und Europäischer Union noch vertretbar sind. Denn zu sagen: Deutschland muss Exportweltmeister bleiben, von Billiglöhnen profitieren, von überall Unternehmensgewinne und Zinsen abkassieren – und nur daheim für “soziale Gerechtigkeit“ sorgen, wäre so etwas wie ein neuer nationaler Sozialismus.

Denselben Unvereinbarkeiten steht man gegenüber, wenn man, wie die Linke, die „Entmachtung“ der Großkonzerne und Banken propagiert, mit dem Ziel, dass „alle Menschen durch bezahlbare Energie, erschwingliche Mobilität, gesunde Nahrungsmittel und mehr Lebensqualität profitieren.“ Was wird dann aus unseren Weltkonzernen? Wird ihnen die weitere Eroberung der Weltmärkte untersagt, wird der VW‐ Konzern die Töchter SEAT, Skoda und die chinesischen Werke den dortigen Arbeitern übereignen oder die Deutsche Bank zinslose Kredite an arme Länder verteilen? Oder geht es auch hier darum, den deutschen Imperialismus zu beerben, um auf der Basis zusätzlichen Wohlstand zu kreieren? Letzteres wäre Realpolitik, ersteres ist ein Märchen.

Ich sage nicht, dass alle Forderungskataloge und Umbauvorschläge für die Katz sind. Als inhaltliche Bezugspunkte für gewerkschaftliche Aktivitäten oder soziale Bewegungen sind sie richtig und wichtig. Sie sind Teil dessen, was linke Politik heute (nur) sein kann: Aufklärung über das, was die Weltwirtschaft mit uns macht und wie grundlegend Alternativen gedacht und angegangen werden müssen. Wer ökonomisches Wachstum und Wohlstand zur Hauptsache macht oder staatliche Regulierung, handelt aber antiaufklärerisch, weil es kein „Wellness‐Wachstum“ gibt und es nur absurd wäre, den Weltmarkt‐Toyotismus überholen zu wollen. Wenn zudem die Verheißung eines „lustvollen Sozialismus“ einher geht mit Regierungsbeteiligungen, bei denen auch gespart, privatisiert und abgeschoben wird, ist man nichts als ein weiterer Weltmarkt‐Verwalter.