Entfremdung — Entwurzelung — Antisemitismus?

Brief zu Tinas Folienvortrag Postone — “Es geht darum, eine Bewegung zu begreifen” und ihre Antwort darauf

April 2019

Liebe Tina,
dass du im letzten Wintersalon „Thesen Postones über den Zusammenhang, zwischen Holocaust, Antisemitismus und Entfremdung“ im Kapitalismus vorgestellt hast, war für mich ein wenig überraschend. Denn „Entfremdung“ wird in Postones Antisemitismusaufsatz ja gar nicht thematisiert. Aber natürlich ist es ganz richtig, man kann Postones Erklärungsansatz auf „Entfremdung“ beziehen, und die Auseinandersetzung darum ist auch lohnend. Und du hast im Kern vollkommen recht, wenn du Postone so deutest: „Die Vernichtung der Juden ist ein Angebot an die Ausgebeuteten, auf eine schreckliche Art die Entfremdung im Kapitalismus (scheinbar) aufzuheben“.
Ich schreibe allerdings „im Kern“, weil ich eine deiner Bestimmungen von der Zustimmung ausnehmen will: Dass du Antisemitismus als Angebot speziell „an die Ausgebeuteten“ bezeichnest, teile ich nicht. Denn: Wenn speziell sie als diejenigen gelten, die „Entfremdung“ erleiden, resultiert diese wohl auch aus ihrer Ausbeutung (…durch die Kapitalisten…). Damit signalisiert die kleine Passage an dieser Stelle, dass du vermutlich einen Begriff von Entfremdung zu Grunde legst, wie er vom frühen Marx geprägt wurde (…und einige andere Passagen bei dir unterfüttern dann diese Vermutung). M. E. ist wichtig, zu klären, dass dieser bei Postone gerade und ganz ausdrücklich nicht zu Grunde gelegt werden kann. Und weil das Konsequenzen hat — u.a. solche, die nach meinem Nachdenken wohl auch in die Debatte um „Heimat“, also in unsere weiteren Debattenabende hineinragen – versuche ich, das in diesem kleinen Brief zu skizzieren. Da ich von deinen Stichpunkten ausgehe, die kein durchgeschriebener Text sind, interpretiere ich zwangsläufig stark, wie ich zwischen ihnen die Zusammenhänge sehe – und ich pointiere natürlich, was ich kritisch sehe. Aber das ist hoffentlich in Ordnung, da das Ziel im Wintersalon ja ist, dass wir ins Gespräch, in die Diskussion kommen.

Postone zu Entfremdung im Kapitalismus

Zentral bei und für Postone ist ja die Kritik am „traditionellen Marxismus“, welcher – mit dem frühen Marx – auf einem transhistorischen Verständnis von „Arbeit“ basiere und die kapitalistischen Verhältnisse vom Standpunkt der Arbeit aus kritisiere. Nach Postone sieht der traditionelle Marxismus „Arbeit“ im Kapitalismus als beeinträchtigt an durch: Eigentumsverhältnisse der Produktionsmittel, Markt und Ausbeutung. Würden diese Elemente verändert, könnte moderne Arbeit demnach Grundlage der freien Gesellschaft sein. Postone kritisiert demgegenüber, diese Merkmale könnten allesamt noch als der Zirkulationssphäre zugeordnet betrachtet werden. Um Kapitalismus zu analysieren müsse man, mit dem späten Marx, tiefer gehen.
Entsprechend kritisiert Postone auch den Begriff der „Entfremdung“ beim frühen Marx, welcher genau auf solche Momente wie die genannten Bezug nehme: „Geht man von einer transhistorischen Auffassung der ‚Arbeit‘ aus, muß diese Unterscheidung“ (Anm. Be: …vom frühen Marx gegen Hegel: Entfremdung und Vergegenständlichung…) „notwendigerweise in Faktoren begründet werden, die der vergegenständlichenden Tätigkeit äußerlich sind – zum Beispiel in den Eigentumsverhältnissen, das heißt in der Beantwortung der Frage, ob die unmittelbaren Produzenten über ihre eigene Arbeit und deren Produkte verfügen können oder ob die Kapitalistenklasse sich diese aneignet. Dies aber erfaßt jene Form gesellschaftlich konstituierter, abstrakter Notwendigkeit nicht. In den Marxschen Spätschriften ist die Entfremdung indes im Doppelcharakter der warenförmigen Herrschaft angelegt, ist als solche dem Charakter dieser Arbeit selbst immanent. (…) Kapitalistische gesellschaftliche
Verhältnisse und entfremdete Strukturen sind identisch.“ (Zitate aus Postone, „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft…“, diese Zitate von S. 247).
Dem gegenüber ist Kapitalismus für Postone in ihrer Tiefenstruktur, mit dem späten Marx, jene Gesellschaftsform, in der nicht (nur) konkrete Zwänge (z.B. die Klassenherrschaft…) vorherrschen (…die es im Kapitalismus auch gibt…) — sondern jene historisch einzigartige Formation, in der „Arbeit eine gesellschaftliche Struktur entstehen“ lässt, welche „diese Arbeit wiederum beherrscht.“ Mit dieser besondere Art einer objektivierten Herrschaft, die (nur im Kapitalismus!) in „Arbeit“ begründet werde, geht nun der Begriff der „Entfremdung“ einher: „Entfremdung ist diese Form selbst erzeugter reflexiver Herrschaft.“ (S. 247)
Postone sieht daher nicht nur das Proletariat „entfremdet“ (z.B. weil es ausgebetet würde) – sondern er schreibt ausdrücklich: „Selbst die Arbeit eines unabhängigen Warenproduzenten ist, wenn auch nicht im gleichen Maß wie die eines Industriearbeiters, entfremdet, weil der gesellschaftliche Zwang abstrakt ausgeübt wird.“ (S. 249) Er warnt auch davor, „Entfremdung“ mit Leid oder Unterdrückung zu verwechseln: „Entfremdete Arbeit konstituiert also eine gesellschaftliche Struktur abstrakter Herrschaft, doch sollte diese Arbeit nicht notwendig mit Mühsal, Unterdrückung oder Ausbeutung gleichgesetzt werden. Die Arbeit eines Leibeigenen, von der ein Teil dem Feudalherrn ‚gehört‘, ist an und für sich nicht entfremdet: Beherrschung und Ausbeutung sind dieser Arbeit selbst nicht immanent. Genau aus diesem Grund beruhte die Ausbeutung unter solchen Bedingungen auf unmittelbaren Zwang – und mußte es auch. Nicht‐entfremdete Arbeit ist in Gesellschaften, in denen ein von nicht‐arbeitenden Klassen angeeigneter Überschuß existiert, notwendig mit unmittelbarer gesellschaftlicher Herrschaft verbunden. Im Gegensatz dazu sind im Kapitalismus Ausbeutung und Herrschaft integrale Momente warenförmiger Arbeit.“ (S. 248 f)
Wo deine Thesen, liebe Tina, auf den „Doppelcharakter der Ware“ Bezug nehmen, in dessen Wesen „das Kapitalverhältnis mit all seinen Aspekten enthalten“ sei, führst du zur Konkretisierung u.a. an: „Das Rechtsverhältnis, abhängig beschäftigt, kein Eigentum an Produktionsmitteln; reduziert auf die Arbeitszeit; die Kontrolle der verausgabten Zeit; der Druck, schneller zu arbeiten; der Druck, nicht krank zu sein; ersetzbar…“ Ich kann mich ja täuschen, aber: Mir scheinen all diese Beispiele auf jener Ebene zu liegen, die Postone als die Kritikebene des traditionellen Marxismus beschreibt, welche nicht tief genug gehe. Ich lese diese Stelle zudem (wiederum: ich mag mich täuschen…) als eine derjenigen, in denen „Entfremdung“ beschrieben werden soll, wie sie mit Ausbeutung einhergeht und Leid verursacht. Wenn das stimmt, ist festzuhalten: So kann man natürlich argumentieren – aber es trifft nicht Postones Denkansatz.

Leid und Entwurzelung im Kapitalismus?

Ähnlich hebst du, wo es um fetischisiertes Denken geht, deutlich das Leid hervor, wie es den Arbeitsbedingungen im Kapitalismus zuzuordnen ist:

Das Kapitalverhältnis mit all den Bedingungen, die Unsicherheit schaffen, Ausgeliefertsein, Konkurrenz, Angst, Druck – all das scheint dabei

  • Nicht in der Erbsendose zu stecken und
  • Nicht in der konkreten Arbeit,
  • sondern nur in der Erscheinungsform des Wertes, der Verkaufbarkeit
  • Im Geld.“

Auch das lese ich so, dass die Entstehung von fetischisiertem Denken eng einer Erfahrung von Entfremdung zugeordnet wird, die aus der Leiderfahrung in ausbeuterischen Fabrikbedingungen resultiert (…Profitmaximierung im Fabrikalltag…).
An anderen Stellen scheint mir, dass dein Denkansatz darauf abzielt, „Entfremdung“ als Entwurzelung zu fassen, wie sie die Ausbreitung des Kapitalismus bewirkte. So schreibst du, teils Postone zitierend, teils Motive hinzufügend/ andere weglassend:
„Revolte gegen gesellschaftliche Umbrüche als Folge der kapitalistischen Industriealisierung: das Verlassen der Dörfer, explosive Verstädterung Untergang von sozialen Schichten, Verelendung…“
und führst später, m.E. darauf bezogen, aus, wir sollten den…
„…Verlust von Dingen nicht leugnen, die durch kapitalistische Entwicklung eben auch verloren gehen, zerstört werden: eben auch ‚Heimaten‘. Genau dieser Verlust macht diese entsetzliche Zuspitzung im Antisemitismus offenbar so verführerisch.“
So den Zusammenhang gesetzt, könnte deine Postone‐Rezeption den Gedanken nahelegen, die „Entfremdung“ aus dem Vortragstitel bestehe im Verlust genau jener „Heimaten“ – im Herausgerissensein aus den dörflichen Lebensverhältnissen. Bei mir entsteht, das mitgedacht, die Vorstellung vom Dörfler, der nun als Arbeiter in Fabrikverhältnisse eintritt, die von Ausbeutung geprägt sind und genau dadurch mit „Entfremdung“ konfrontiert wird (s.o.). Damit könnte dann z.B. das dörfliche Leben auch als „heimatlicher“ Gegenpol gedacht werden, welcher den Gegensatz zu „Entfremdung“ darstellt (auch wenn dir das vielleicht fernliegt).
Auf deinen Überlegungen zu Entfremdung basiert, so verstehe ich es, wenn du schreibst, Postone nenne den Antisemitismus und Holocaust eine „‘antikapitalistische Revolte‘ der Nazis“ und ihn dann interpretierst: Er sage damit: „Sie haben ihre Gründe gehabt.“ – Dem kann ich mich nicht anschließen: „Er hat seine Gründe“ nutzt man als Redewendung, wenn die Gründe und Argumente eines Gegenüber rational nachvollziehbar und daher ernst zu nehmen sind. Postones Analyse der antisemitischen Interpretation von Welt kennzeichnet diese dagegen als mehrfach ver‐rückt, als wahnhaft. Vielleicht ist dir, liebe Tina, die Formulierung einfach nur hineingerutscht. Aber es gibt, glaube ich, auch systematische Gründe, aus denen heraus ich mit Postone den Schritt vom „Verstehen“ zu einem gewissen „Verständnis“, wie du ihn zum Vortragsschluss nahelegst, nicht mitgehen würde.

Entfremdung“, „romantisches Denken“ und „Heimat“…

Mit Postone sollte „Entfremdung“ also nicht, wie beim frühen Marx, als die spezielle Erfahrung einer von Ausbeutung und Leid geprägten Fabrikarbeit gefasst werden. Und Postone lehnt einen „transhistorischer Arbeitsbegriff“ ab, auf dessen Grundlage mit und durch „Arbeit“ Freiheit und Sozialismus/ Kommunismus möglich wäre, wenn nur ausbeuterische und dadurch „entfremdende“ Faktoren bei der Fabrikarbeit wegfielen. Das aber heißt in der Umkehrung der Perspektive auch: Eine Kritik an Entfremdung im Kapitalismus ist nicht zu begründen in „vorkapitalistischer“ Arbeit, z.B. der des Dorfes. Mit Postones Begriff von „Entfremdung“ ist eine Grundstruktur des Doppelcharkters von Arbeit und seiner Verschleierung im „Fetisch“ gemeint, die mit der Industriealisierung alle Ebenen gesellschaftlichen Lebens umfassend durchdringt. Das dörfliche Leben selbst und die Denkformen dort sind davon keinesfalls ausgenommen. Schon von daher könnte man sagen, mit Postone solle man keinesfalls verlorene Heimaten romantisieren.
Der Begriff des romantischen Denkes ist bei Postone ja aber eine zentrale Kategorie, die aus dem Auseinanderfallen von Wesen und Erscheinung im Kapitalismus abgeleitet wird und die für seine Analyse des modernen Antisemitismus zentrale Bedeutung hat.
Postone untersucht ja, ausgehend vom „Fetisch“-Begriff des späten Marx, wie die dem Kapitalismus eigenen falschen Wahrnehmungsformen strukturiert sind und widmet sich in der näheren Analyse romantischer Denkweisen, „die ihrem Selbstverständnis nach antibürgerlich sind, in Wirklichkeit jedoch das Konkrete hypostasieren und damit innerhalb der Antinomie gesellschaftlicher Beziehungen verharren.“ (So Postone im Aufsatz Antisemitismus und Nationalsozialismus; daraus auch die folgenden Zitate.) Solche Denkformen tendierten in historisch früheren Phasen dazu, dass Geld als „Wurzel allen Übels“ begriffen werden konnte. Die Analysen Horkheimers, dass Juden mit der Zirkulationssphäre identifiziert würden, rekurrieren genau darauf – sie genügen nach Postone aber nicht: Dieser Ansatz kann nicht erklären, warum die Juden als geheime Kraft sowohl hinter dem plutokratischen Kapitalismus als auch dem Sozialismus gesehen werden – und darüber hinaus hinter allem, was als “vulgäre” moderne Kultur abqualifiziert wurde. Zentral ist bei Postone daher, dass der moderne Antisemitismus als auf den Kapitalfetisch bezogen gesehen wird. Dessen quasi‐automatischer, der Durchsetzung von Klasseninteressen und Ausbeutung vorausgesetzter, sein quasi‐objektiver, zugleich dynamischer Charakter – gerade der findet sich in den NS‐Bildern wieder, mit der die unfassbar‐abstrakte Macht des „internationalen Judentums“ beschrieben wurde. Die NS‐Figur des modernen Antisemitismus kann und sollte daher mit Postone mit dem Entfremdungsbegriff des späten Marx (und nur diesem) in Kontext gesetzt werden.
Kapital, schreibt Postone, sei bei Marx als „selbstverwertender Wert“ charakterisiert, als die „unaufhörliche rastlose Selbstvermehrung des Wertes“, und jenes ihm innewohnende dynamische Element habe in Denkformen des späten 19. Jahrhundert Eingang gefunden. An die Stelle einfacher Dinge oder mechanischer Bilder, in denen der Fetisch zuvor wahrgenommen wurde, traten organische Prozesse, biologische Hypostasierungen. Der ganze materielle Produktionsprozess gilt nun insgesamt als konkret, „gesund“ und „natürlich“: Er erscheint als dem übergeordneten organischen Träger, der Gemeinschaft, der Rasse, dem Volk, zugehörig: „Die positive Hervorhebung von “Natur”, Blut, Boden, konkreter Arbeit und Gemeinschaft darf also nicht als anachronistisch, als Ausdruck historischer Ungleichzeitigkeit verstanden werden. Vielmehr ist die Vorstellung, dass das Konkrete “natürlich” sei, selbst das Ergebnis der Entwicklung des industriellen Kapitals, ein Ausdruck seines widersprüchlichen Fetischs.“ Der Begriff der „Heimat“ scheint mir dabei ins Feld der Muster zu gehören, die eine positive, konkrete Seite des Kapitalismus abtrennen, naturalisieren und zum eigenen Standpunkt erklären – wie es Positionen des verkürzt‐verschobenen „romantischen Antikapitalismus“ ja tun. „Heimat“ grundiert und verbindet dabei die politischen Konzepte. Aspekte wie „Natur, Blut, Boden“ fließen in die Vorstellung von „Heimat“ assoziativ stets ein und Heimat verbindet diese Elemente mit einer auf ewig und natürlich gedachten Denkform von „Gemeinschaft“, wie sie dann in den Konzepten „Rasse“, „Volk“ oder auch „Nation“ zum Ausdruck kommt. Dies alles ist dem Begriff „Heimat“ m.E. mit eingeschrieben – auch wenn ihm andererseits auch die Dimension von persönlich erfahrbarer Vertrautheit eignet (wie sie z.B. in Begriffsvarianten wie „heimatlich“ besonders hervortritt). Das eine schließt das andere nicht aus, im Gegenteil: Alltagserfahrung und die Fixierung auf Denkkomponenten der überhistorisch-„natürlichen“ Gemeinschaft ineinanderzufügen scheint mir gerade die besondere ideologische Funktion dieser zusätzlichen Kategorie zu sein.

Das ‚Wahnhafte‘ des modernen Antisemitismus…

Wenn ich oben von der gedoppelt „ver‐rückten“ ideologischen Konstruktion des modernen Antisemitismus geschrieben habe und den „wahnhaften“ Charakter dieser Weltanschauung betonte, habe ich Anleihen beim Vokabular der Psychologie/ der Psychoanalyse genommen: Und mir ist bewusst, dass es zunächst einmal nur Anleihen sind, dass die Begriffe hier nur in Analogie zu jenen Denkschulen genutzt werden. Diese Anleihen sind aber sehr nützlich, um die große Distanz sprachlich abzubilden, die modernen Antisemitismus nach Postone von einem wirklichen, sachlich gedeckten „Antikapitalismus“ trennt. Schon der „romantische Antikapitalismus“ (oder der „verkürzte“ oder der „fetischisierte“ Antikapitalismus…), der Industrieproduktion und „Volk“ oder „Rasse“ oder „Nation“ als positiv hypostasiert, wendet sich gegen (diese) Seite des Kapitalismus und gegen dessen Grundlagen ja gerade nicht. Indem der Antiseitismus, wie Postone schreibt, auch noch „die abstrakte Seite (…) biologisiert — als Juden“, findet eine zweite Ver‐rückung statt, die endgültig jeden rationalen Zusammenhang von Ursachen und zugeschriebener Wirkung auftrennt. Vergleichbar einer Psychose, wie unter Bedingungen von „Wahn“, gibt es zwischen Herkunft von Handlungsenergie und der Ausrichtung von Handlungen keinen in sich rational logischen Zusammenhang mehr. (Daher sollten wir bei Antisemiten wirklich besser nicht davon sprechen, sie hätten für ihr Handeln „ihre“ (…guten…) „Gründe“.)
Um zu bestimmen, welche Auswirkungen das für den persönlichen und, vor allem, politischen Umgang mit Antisemiten hat, wäre die Leerstelle zu füllen, die oben angedeutet ist: Die Verknüpfung von Postones Theorieansatz mit psychologischen/ psychoanalytischen Überlegungen und Untersuchungen. In welchen psychischen Formationen solche Form von konformistischer Revolte auftreten, wäre zu klären. Da Postone dazu nicht schreibt, will ich diesbezüglich nicht weiter spekulieren (vielleicht finden sich in seinen Texten zu Hannah Arendt dazu Ausführungen). Alle Forschungen zeigen indes m. E.: Antisemiten sind dem rationalen Diskurs meist nicht zugänglich – es ist in aller Regel unsinnig, ihnen die Welt erklären und sie überzeugen zu wollen. Dass der moderne Antisemitismus als eine deformierte Form des romantischen Antikapitalismus begriffen werden kann, bietet daher aus meiner Sicht keinen Anlass, von größter kritischer Distanz abzuweichen. Wieder mit Postone (im AK‐Interview): „Im Gegenteil“…

Liebe Tina – soweit meine Überlegungen. Es wäre schön, wenn wir darüber ins Gespräch kämen/ blieben – und ich freue mich auf die nächste Diskussionsrunde, den nächsten Wintersalon.
Liebe Grüße, Be / 18.4.19
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Antwort von Tina — April 2019

Lieber Be.,

vielen Dank für Deinen spannenden klugen Text. Du gehst sehr bedacht mit anderen Texten um. Ich freue mich über diese Debatte! Es wäre schön, wenn Du daraus einen Aufsatz für die wintersalon‐homepage machen würdest. Das scheint mir nicht viel Arbeit zu sein und Du könntest das in der Form eines Briefes an mich machen oder eben als Stellungnahme zu meinem Vortrag/Folien. Ganz wie Du magst.

Ganz kurz ein paar Überlegungen zu Deinem Text, nicht vollständig und nicht sehr sortiert — wir werden die Themen ja z.T. bei der Heimatdebatte wieder aufgreifen:

Ich habe beim Vortrag versucht, konkret zu werden (Erbsendose…), um — auch angesichts unseres sehr heterogenen Kreises — ein bisschen nachvollziehbar zu machen, was Marx mit Fetisch, mit dem sich hinter dem Rücken reproduzierenden Verhältnissen, die nicht mehr als von uns gemacht erkannt werden etc. meint. Beispiele sind oft schräge. Und es kann auch sein, dass ich Postone nicht vollständig verstanden habe.

Mir ist aufgrund Deines Briefs klarer geworden, dass Postone entfremdete Arbeit nicht zentral von Mühsal, Unterdrückung oder Ausbeutung gekennzeichnet sieht (die Arbeit des Leibeigenen hat diese Merkmale auch), nicht durch unmittelbare Herrschaft gekennzeichnet sieht, stattdessen Ausbeutung und Herrschaft als integrale Momente warenförmiger Arbeit beschreibt. Da hast Du sicher Recht.

Das ist abstrakt und es liegt nahe – wie ich es noch im Konfirmationsunterricht gelernt habe – nach jedem Gebot zu fragen: „Was ist das?“. Und meine berufsbegründete Macke ist es, gesellschaftliche Phänomene u.a. auch subjekttheoretisch anzuschauen. Mich treibt immer die Frage um, woher diese unglaubliche Schubkraft für rassistischen, religiösen, frauenfeindlichen etc. Wahn kommt, der individuelle Handlungen antreibt. Postones Entfremdungsbegriff ist kein subjekttheoretischer, sondern ein Begriff in einem makrosoziologischen Zugang zu den Phänomenen in der warenproduzierenden Gesellschaft. Anderseits beschreibt er den wahnhaften Antisemitismus auch als Gedankengebäude, das ja nun mal in einzelnen Köpfen von Individuen seinen Platz hat und nicht anderswo.

Weiter: Du siehst einen “systematischen” Zusammenhang zwischen dem Entfremdungsbegriff, den ich zugrunde gelegt habe, und einem “Verständnis” für die Motive von Antisemiten (grob zusammengefasst, ich glaube, ich habe das verstanden). Und Du schreibst: Vielleicht ist dir, … die Formulierung einfach nur hineingerutscht. Aber es gibt, glaube ich, auch systematische Gründe, aus denen heraus ich mit Postone den Schritt vom „Verstehen“ zu einem gewissen „Verständnis“, wie du ihn zum Vortragsschluss nahelegst, nicht mitgehen würde.

Meine Formulierung “Sie haben ihre Gründe gehabt” ist mir nicht einfach nur reingerutscht. Mir ist dieser Satz schmerzhaft bewusst. Aber: die Debatte um “Verstehen” und “Verständnis” kenne ich gut aus der Psychologie, aus der feministischen Debatte im Rahmen der SexualForschung und -therapie der 80er Jahre über die Motive von Frauenmordenden und Frauenquälenden Männern, Kindermördern etc. Wir haben damals wissenschaftliche Versuche “zu verstehen” verteidigt und die Kritik hieran, da habe man ja dann “Verständnis” im Sinne einer Zustimmung zum Verhalten dessen, den man verstehen will, abgelehnt. Wie wäre Theweleit da einzusortieren, wenn er Angst als das antreibende Motiv nennt für Mord bei den soldatischen Männern der deutschen Freikorps, denen mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs der Boden unter den Füßen weggebrochen sei?[1]

Auch würde ich bestreiten, dass das heutige Konzept von Wahn und Psychosen (zumindest bei primären Psychosen) noch davon ausgeht, dass es sich einfach nur um ein irrationales und in keiner Weise aus Biografie, Lebensbedingungen, Sozialisation ansatzweise verstehbares Phänomen handelt — spätestens seit der Antipsychiatrie der 60er, 70er Jahre scheint mir das so zu sein.

Die Ablehnung von funktionalistischen Erklärungen des Holocaust bei Postone, die ich in seiner (!) Definition komplett teile, bedeutet ja nicht, dass er mit seinem theoretischen Ansatz nicht auch etwas über die “Funktion” des antisemitischen Wahns für die Psyche des Antisemiten sagt. Oder? Natürlich ist seine Theorie keine psychologische Theorie, sondern eine soziologische. Aber es geht doch auch um eine Theorie der Revolte. Und die ist m.E. ohne die Subjekte nicht zu haben. Das schreibe ich jetzt mal so ungeschützt, noch nicht wirklich durchdacht. Die Vermittlung von beidem – soziologischer Ansatz und Subjekttheorie — müsste man hier genauer bestimmen. Ich habe den Eindruck, dass Erikas Fragen auf unserem letzten Treffen in diese Richtung zielten.

Gesagt werden kann: Postone vertritt nicht die Position z.B. eines Jean Améry, der jeden Erklärungsversuch (sei es mit dem deutschen Volkscharakter, mit Versailles, mit dem Kapitalismus oder mit der Dialektik der Aufklärung) ausdrücklich ablehnt; jede “explikative Darstellung” ablehnt, lediglich “Zeugnis ablegen” will. Es gebe “nichts wirklich Aufklärendes”. Der Holocaust bleibe ein “finsteres Rätsel”, “singulär und irreduktibel” (Améry 1966 — Jenseits von Schuld und Sühne, Neuausgabe 1977:10).

Deine Kritik am Problem, dass „Verstehen“ in „Verständnis“ umschlagen kann, würde Améry wohl teilen:

Ich würde ihnen (den Antisemiten — Anm. durch mich) in die unsauberen Hände spielen, wollte ich untersuchen, welchen Anteil an den Judenverfolgungen religiöse, ökonomische und andere Faktoren haben. (…) Eine Wunde wurde mir geschlagen. Ich habe sie zu desinfizieren und zu verbinden, nicht nachzudenken, warum der Schläger die Keule hob, und im erschlossenen Darum ihn schließlich halb und halb zu diskulpieren“ (ebd.: 160).

Trifft das dann nicht ggfs. auch Postone? Ich fand hierzu Eckehards Beitrag auf dem letzten Salon sehr wichtig. Er meinte, zu jeder Theorie über Zusammenhänge — und Postone baut ja eine solch Theorie — gehörten auch Annahmen über Kausalitäten und das habe angesichts des Holocaust auch etwas Entlastendes, weil man damit meint, man habe es nun zu fassen.

Aber stellt sich eben die Frage, ob es für uns überhaupt geht, auf der Welt zu sein, ohne sich permanent einen Reim zu machen auf das, was passiert (anthropologische Annahme!).

Jetzt zur “Heimat‐Debatte” — ja, es gibt einen Zusammenhang der Postone‐Debatte und der Heimat‐Debatte.

Ich sehe die dörflichen Lebensverhältnisse nicht als heimatlichen Gegenpol zur Entfremdung. Definitely not!! Aber mir geht es — wieder im Sinne des “Verstehens” — um die “Funktion” der — wie Du schreibst “Dimension von persönlich erfahrbarer Vertrautheit … (wie sie z.B. in Begriffsvarianten wie ‚heimatlich‘ besonders hervortritt)” , für den schrecklichen Erfolg der rechten und Nazi‐Propaganda.

Jean Améry ist auch hier für mich ein wichtiger Autor. Auch Vilém Flusser, den Thorsten Mense in Thomas Ebermanns Buch im Vorwort erwähnt, wäre hierzu gut zu befragen. Aber dazu in meinem paper zur Heimatdebatte ausführlicher.

Soweit — liebe Grüße — Tina

[1] Vgl seinen Beitrag auf der Konferenz zu Heimatphantasien auf Kampnagel letztes Jahr https://www.kampnagel.de/de/programm/2-konferenz/?id_datum=6965