Thesen zum Nationalismus


Helmut / 17.8.2019

Einleitung

Die Anfänge des Nationalismus in Europa lagen im Kampf der Bürger gegen die feudalen Verhältnisse in der französischen Revolution von 1789 in den Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und in Amerika in den Unabhängigkeitsbestrebungen der Kolonien, wie in der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 in der erklärt wurde: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“
Der Kampf der Bürger gegen den Feudalismus und der antikoloniale Freiheitskampf waren somit die Geburtshelfer der Nationen und des Nationalismus.… Weiterlesen

Die Erfindung der Nation

Einführung zur Diskussion über

Benedict Anderson: Vorgestellte Gemeinschaften — Überlegungen zu Ursprung und Ausbreitung des Nationalismus

Eckehard Seidl[1]

Vorbemerkungen

Das Buch von Anderson ist 1983 in Englisch und 1988 in Deutsch erschienen[2]. Es ist offenbar eines der vielen wichtigen Bücher, die wir aus ideologischer Verblendung heraus verpasst haben und uns nun im Nachhinein aneignen müssen.

Seit längerer Zeit und aus verschiedenen Anlässen denke ich über die Frage nach, wie in menschlichen Gesellschaftsformen Macht zustande kommt und dauerhaft gesichert wird.… Weiterlesen

In’s dumpfe deutsche Stuben‐Glück

Zur Debatte um Heimatfeindlichkeit und Heimatlosigkeit

Helmut 27.4.2019

Liebe Tina,

fang ich mal bei dem letzten Absatz an: wie kann der Begriff der „Heimat“ zum „Herzenswärmer“ werden?

Eine jeder kennt den Begriff, ein jeder meint zu meinen, was er bedeutet, er scheint harmlos („wo kommst Du her?“ steht für alte Heimat, „wo lebst Du jetzt?“ steht für neue Heimat). Wird der Begriff so gebraucht, ist er harmlos und weiter gehend bedeutungslos.

Aber der Begriff kettet sich an die Gefühle an, die heranwachsende Kinder haben, an die positiven Gefühle des Vertrauens in das Umfeld, Familie usw.… Weiterlesen

Linke Heimatfeindschaft

Tina April 2019

Heimatfeindschaft und Heimatlosigkeit

Vorbemerkung: Ich versuche hier das Hin und Her in meinem Kopf zu diesem Thema darzulegen und zitiere dazu z.T. sehr ausführlich Leseergebnisse, um Material für die Debatte zur Verfügung zu stellen, das nicht nur aus Halbsatz‐Zitaten oder Anführungsstrich‐Begriffen besteht. Nehmt es also als Problemaufriss und Lesestoff zum Thema. Ich danke Eckehard, Helmut, Jan, Marianne für kritische Durchsicht, Hinweise, Änderungsvorschläge.

Das Wort Heimat gehört nicht zu dem Wortschatz, mit dem ich meinen Wohnort, mein zu Hause, mein Leben, meine Kindheit etc‐tralala beschreibe.… Weiterlesen

Entfremdung — Entwurzelung — Antisemitismus?

Brief zu Tinas Folienvortrag Postone — “Es geht darum, eine Bewegung zu begreifen” und ihre Antwort darauf

April 2019

Liebe Tina,
dass du im letzten Wintersalon „Thesen Postones über den Zusammenhang, zwischen Holocaust, Antisemitismus und Entfremdung“ im Kapitalismus vorgestellt hast, war für mich ein wenig überraschend. Denn „Entfremdung“ wird in Postones Antisemitismusaufsatz ja gar nicht thematisiert. Aber natürlich ist es ganz richtig, man kann Postones Erklärungsansatz auf „Entfremdung“ beziehen, und die Auseinandersetzung darum ist auch lohnend.… Weiterlesen

Moishe Postone zur Theorie des Antisemitismus

Die folgende Zusammenfassung des Postone‐Aufsatzes zum NS‐Antisemitismus habe ich 1992 für die Zeitschrift AK (analyse & kritik) verfasst – Postone hat sie damals gegengelesen und für gut befunden. Sie wurde neben einem Interview veröffentlicht, das damals Mitglieder der Gruppe K mit Postone führten (analyse & kritik Nr. 340, 11. März 1992, S. 4 – 5). Es trug den Titel: „Die deutsche Linke muß anerkennen, nunmehr Opposition in einer Großmacht zu sein“. Das Interview kann nachgelesen werden im Sammelband: Moishe Postone, „Deutschland, die Linke und der Holocaust: politische Interventionen“, Ça ira, 2005 (dort teils falsche Quellenangaben).Weiterlesen

Die deutsche Linke muß anerkennen, nunmehr Opposition in einer Großmacht zu sein.”

ak — Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 340 / 11.03.1992
hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

Download PDF 0,63 MB

Interview mit Moishe Postone

Moishe Postone arbeitet als Soziologe an der University of Chicago. Zwischen 1972 und 1982 lebte er in Frankfurt/M. und war dort insbesondere mit Fragen der Marxschen Theorie sowie fortschrittlichen Ansätzen jüdischer Politik befasst. In Zirkeln der radikalen Linken gehört Postone seit einiger Zeit insbesondere aufgrund seiner Antisemitismus‐Theorie zu einem der viel gelesenen Autoren. Im Januar dieses Jahres hatten wir am Rande einer Tagung des Hamburger Instituts für Sozialforschung die Gelegenheit, uns mit Moishe über die Situation der deutschen Linken, den Golfkrieg, das deutsche Verständnis von “nationaler Selbstbestimmung” sowie über Grundannahmen seiner Antisemitismus‐ Theorie zu unterhalten.Weiterlesen

Gelbwesten: „Volksaufstand“, immer samstags

Christian / 03. Februar 2019

Zum 12. Mal demonstrierten gestern die Gelben Westen, 13.000 in Paris, 6.000 in Valence, 8.000 in Strasbourg, 4.000 in Bordeaux, 2.000 in Marseille. Ihr Protest richtete sich gegen die Polizeigewalt, die neben Tränengas und Schlagstöcken auch mit Gummigeschossen vorgegangen war. In Paris, sah ich im Internet, kam es auch zu Schlägereien zwischen rechten Gelbwesten und Antifa‐Leuten. Ich habe diese neue soziale Bewegung, seit November, nur medial verfolgt, habe dabei von ihren Sprechern kaum Aufschlussreiches über ihre politische Orientierung gehört und bin entsprechend unsicher, wie sie einzuschätzen ist und wohin die Reise geht.… Weiterlesen

Antikapitalistische Revolte”

Bettina Hoeltje

Zu einigen Problemen der linken Analyse des deutschen Faschismus

Vorbemerkung Januar 2019:

Dieser Beitrag ist im Reader zum Kongress der radikalen Linken „Nie wieder Deutschland“ (Pfingsten1990) erschienen. Interessant finde ich nach wie vor die hier dargelegten Überlegungen von Moishe Postone, der sich auf die Marx’sche Wertanalyse beziehend von einer „antikapitalistischen Revolte“ bei den Nazis spricht. Für den Wintersalon habe ich den Aufsatz neu gesetzt und etwas gekürzt. Die alte Rechtschreibung habe ich so gelassen. Das gibt dem Ding die angemessene Patina.… Weiterlesen